Allzeithoch Nr. 86 nach Trump - Wie Wall Street Fakten schafft

Tags: Charts Meinung Analyse Nasdaq USA Trump Smart Investor Smart Investor Weekly 35/2018 Ralph Malisch

vom Smart Investor

Darf es ein bisschen mehr sein? In dieser Woche verzeichnete der marktbreite amerikanische Blue-Chip-Index S&P 500 auf Schlusskursbasis seine Allzeithochs Nr. 85 und Nr. 86 seit der US-Wahl vom 8. November 2016, bei der bekanntlich Donald Trump als Sieger hervorgegangen war. Der Dow-Jones-Industrial-30-Index schaffte es zwar seit den Spitzenwerten Ende Januar 2018 bislang nicht mehr auf neue Höchststände, erreichte jedoch seit der Wahl satte 99 neue Allzeithochs auf Schlusskursbasis.

Diese Erfolgsserie am US-Aktienmarkt steht in einem augenfälligen Kontrast zu den Kampagnen der Anti-Trump-Medien, für die der US-Präsident – offenbar aus weltanschaulichen Gründen und aufgrund seiner polternden Art – zum Lieblingsfeind Nr. 1 wurde. Insbesondere, wer sich die – nennen wir es spaßeshalber einmal – „Berichterstattung“ deutscher Mainstream-Medien zur US-Politik antat, musste zu dem Schluss kommen, dass der 45. US-Präsident nicht nur gegen die Mehrheit des eigenen Volkes regiert – was aus deutscher Perspektive irgendwie spaßig klingt –, er musste auch zu dem Schluss gelangen, dass Trumps Amtsenthebung unmittelbar bevorsteht – und zwar seit dem Tag seiner Amtseinführung.

Die Märkte sprechen eine andere Sprache: Politische Unsicherheiten, wie sie durch die reale Möglichkeit eines Amtsenthebungsverfahren gegeben wären, sind nicht gerade der Stoff, aus dem Börsenträume gemacht werden. Also alles nur Wunschdenken in den Redaktionsstuben, oder will man uns den Börsenaufschwung nun als Vorfreude auf das baldige Ende von Trumps Amtszeit verkaufen? Und überhaupt: Von steigenden Börsenkursen profitieren ja nur „die Reichen“, von „gesellschaftlicher Relevanz“ ist das alles natürlich überhaupt nicht. So, oder so ähnlich.

Die Mythen des Mainstreams

Aber auch ein anderer Mythos lässt sich – wie so viele Mythen des Mainstreams – vor dem Hintergrund der Fakten nicht aufrechterhalten: Trump wird ja als alter Knochen gezeichnet, der nicht ganz im neuen Jahrtausend angekommen ist. Als früherer Immobilienmann hat er sein Geld tatsächlich nicht mit coolen Apps verdient, sondern ziemlich klassisch mit „brick and mortar“. Der Mann der sich um Stahl, Aluminium und Autos kümmert, ist mit Sicherheit kein Präsident für die New Economy, so war zu hören. Nun gut, während in Deutschland und der EU noch Arbeitskreise und Task Forces gebildet werden, die bei Kaffee und Keksen über Digitalisierung diskutieren, hat diese in den Alltag der USA längst Einzug gehalten. Vielleicht weil Unternehmer dort jene Rahmenbedingungen vorfanden, in denen es einfach mehr Spaß macht, etwas zu unternehmen – auch ohne dass sie vorher von irgendwelchen Polithampeln an die Hand genommen werden mussten. Und diese Rahmenbedingungen haben sich – Stichwort: Steuern – unter Trump offensichtlich nicht verschlechtert. Obwohl in großen Teilen der US-Tech-Szene eine gewisse Abneigung gegen Trump praktisch zum guten Ton gehört, fügte er auch diesen Unternehmen bislang offenbar keinen sichtbaren Schaden zu. Das ist schon erstaunlich, wird doch hierzulande überwiegend der Eindruck vermittelt, in den USA rumpele ein twitternder Elefant durch den Porzellanladen: Der NASDAQ 100 als Index der Technologie-Blue-Chips konnte jedenfalls seit der Trump-Wahl sogar ganze 107 neue Allzeithochs auf Schlusskursbasis erreichen – die Nummern 106 und 107 erst vorgestern und gestern. Zudem wurden erst im Jahr 2017 die Übertreibungen der Dotcom-Blase aus dem Jahr 2000 nachhaltig überwunden (vgl. Abb.: Jeder grüne Punkt markiert ein neues Allzeithoch auf Schlusskursbasis).

Relative Schwäche

Ob dies alles eine neue, gigantische Blase ist? Gut möglich. Aber unter Börsianern gilt eben auch die Regel: Ein Trend ist ein Trend – bis er endet. Und obwohl reichlich Warnzeichen vorhanden sind, ist der Aufwärtstrend in US-Aktien eben noch nicht zu Ende gegangen. In unserem Relative-Stärke-Universum in der Druckausgabe Smart Investor 9/2018 belegten die drei genannten US-Indizes sogar die Ränge 1 bis 3. „Top-Picking“ in einem starken Trendmarkt ist ein Spiel, bei dem sich schon viele eine blutige Nase geholt haben. Ganz anders und wesentlich schwächer sieht da beispielsweise der deutsche Markt aus, der es im DAX-Performance-Index im fraglichen Zeitraum gerade einmal auf 26 Allzeithochs geschafft hat – das letzte stammt aus dem Januar 2018. Im DAX-Kursindex, der mit den US-Kursindizes besser vergleichbar ist, waren es gerade einmal drei(!) Allzeithochs – und dies im besten Deutschland aller Zeiten. Auf die Bedeutung des Kurs-DAX weist übrigens auch unser Gesprächspartner Wieland Staud, einer der bekanntesten Technischen Analysten Deutschlands, im aktuellen Smart Investor 9/2018 hin. Auch unsere Titelgeschichte „Bitte anschnallen!“ beschäftigt sich mit möglichen Turbulenzen am heimischen Aktienmarkt. Gewiss, man kann nicht alles in Kursen messen und man sollte sich vor monokausalen Erklärungsmustern hüten. Dass die Menschen aber lieber und letztlich auch erfolgreicher in einem Land mit vergleichsweise niedrigen Steuern wirtschaften als in einem Land, das trotz Rekordsteuereinnahmen eisern an seinem Status als „Hochsteuerland“ festhält, ist nachvollziehbar. Während Niedrigsteuerländer den Anreiz zu wirtschaftlicher Initiative setzen, machen es sich in Hochsteuerländern vor allem Nettosteuerempfänger bequem – inklusive der Politik. Man muss kein Genie sein, um sich auszumalen, welche Gruppe von Gemeinwesen ceteris paribus wohl auf lange Sicht eher prosperieren wird.

„Skin in the Game“

Was sich an der medialen Anti-Trump-Stimmung und der konträren Börsenentwicklung auch schön illustrieren lässt, ist der Gegensatz zwischen Schwätzern und Machern. Unternehmer und Börsianer, die sich mit eigenem Geld engagieren, gehören zu den Machern. Weder sind sie bereit, ihre Mittel für Ideologien oder sonstige Hirngespinste zu riskieren, noch können sie sich Schieflagen über längere Zeit erlauben. Die Besten ziehen die Reißleine früh und passen sich ohne großen Verzug an die Chancen und Risiken geänderter Umstände an. Sie irren schnell und lernen langfristig. Dagegen regiert in Politik und Journalismus inzwischen oft eine Halsstarrigkeit, die mit bloßer Ideologie und Rechthaberei kaum noch zu erklären ist. Unter immer wilderen Verrenkungen versucht das Ego mit immer neuem Geschwätz das Geschwätz früherer Tage – die eigentliche „Investition“ in diesem Bereich – zu schützen. Sir irren nie und lernen nichts. Das ist der Unterschied zwischen Menschen, die „Skin in the Game“ haben, wie es der Erfolgsautor Nassim Taleb in seinem neuen Buch (Deutsch: „Das Risiko und sein Preis“) nennt und solchen, deren beredsamer Beliebigkeit Sie besser kein Ohr schenken sollten. Wir hoffen, nicht allzu oft typische Journalisten zu sein. Das Buch werden wir übrigens in der kommenden Druckausgabe Smart Investor 10/2018 ausführlich  besprechen.

Fazit

Mehr oder weniger geschliffene Essays und Einsichten zu Börse und Politik gibt es wie Sand am Meer. Und es gibt Menschen, die Geld in die Hand nehmen, sich an den Märkten engagieren und dadurch Börsenkurse machen. Die Letztgenannten haben „Skin in the Game“, wie Nassim Taleb es in seinem neuen Buch (Deutsch: „Das Risiko und sein Preis“) nennt. Es dürfte klar sein, wessen Einschätzungen nicht nur Taleb für die Bedeutsameren hält.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

Fotos Quelle Flickr CC, DonkeyHotey

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