Ein Schuft, wer Böses denkt ...

Tags: Kolumne Griechenland Gehrt Wahl

von Ronald Gehrt

Während ich diese Kolumne schreibe, sind die Wahllokale in Griechenland noch geöffnet und kein Mensch weiß, was dabei herauskommen wird. Man ahnt nur – zu Recht wohl – dass am Montag kräftige „Verwerfungen an den Märkten“ entstehen werden. In welche Richtung, ist völlig offen. Nur sitze ich nun da und frage mich allerlei, von dem ich ahne, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Europas (im Rest der Welt schon gar nicht) sich diese Fragen eben nicht stellt. Zum Beispiel...

Warum ist diese Wahl denn so wichtig? In meinen Augen ist sie es nicht. Kaum jemand dort will den Euro loswerden. Es geht nur um die Sparvorgaben – aus Sicht Griechenlands auch zu Recht. Und da kommen doch eh Sirenengesänge aus Brüssel, die angeblich Lockerungen erlauben wollen. Die aber nichts bewegen werden, vermute ich – das wird sich aus Nachstehendem erschließen. Nein, mit solchen Ereignissen wie der Nachwahl wird doch nur von der Gesamtproblematik abgelenkt. Indem man die Augen der Menschen auf solche Teilbereiche lenkt, verlieren sie den Überblick auf das Gesamtbild und wollen ihn auch langsam nur zu gerne verlieren.

Nein, es geht nicht um den Euro. Es geht um die Vorgehensweise der EU, über die hier abgestimmt wird. Über diese seltsam dumm anmutende Idee, eine absaufende Wirtschaft durch ein Würge-Diktat aus Sparvorgaben angeblich heilen zu wollen, was nicht funktionieren wird und nie funktionieren konnte. Die Griechen würden den Euro natürlich gerne behalten wollen. Aber sie verlangen zu Recht, dass man den Menschen und der Wirtschaft auf die Beine hilft, nicht den Banken und dem Staat. Sicher, es geht dummerweise nicht anders, weil ein Zusammenbruch der Banken automatisch die Bevölkerung trifft, die dafür nichts kann. Aber wenn schon dreistellige Milliardenbeträge ins Land wandern, was würde es ausmachen, mit der Hälfte dieser Summe obendrauf gezielte Wachstumsimpulse zu schaffen, um dem Land die Chance zu geben, sich wieder zu stabilisieren? Ich habe mich seit Beginn der Krise immer wieder – auch in Kolumnen festgehalten (siehe das Archiv auf www.system22.de/kolumnen.html) gefragt, ob sich hinter so viel Fehlverhalten nicht doch Absicht verbergen muss. Ein Ziel, das sorgsam verborgen bleiben soll.

Was bezweckt man damit, Portugal und Griechenland auf die Barrikaden zu holen, indem man den spanischen Banken auf dem Umweg über den „Garantiegeber“ in Form dea spanischen Staates bis zu 100 Milliarden (die nicht reichen werden) in den Rachen wirft, ohne damit nennenswerte Auflagen zu verbinden, während vorgenannte Länder ebenso wie Spanien selbst für die Hilfspakete zuvor gezwungen wurden, eine taumelnde Wirtschaft unter dem Vorwand einer zu diesem Zeitpunkt völlig närrischen Haushaltskonsolidierung in den Abgrund zu stoßen? Ich frage mich seit 2010:

Kann man wirklich so dumm sein? Kann man wirklich immer und immer wieder das Gegenteil dessen tun, was angebracht ist? Sicher, es ist nicht erforderlich, eine fundierte Ausbildung und große Weisheit zu besitzen, um an die Schalthebel der Macht zu gelangen. Und die Geschichte lehrt uns, dass bisweilen sogar das Gegenteil hilfreich war. Aber wir haben doch genug Beispiele aus der Vergangenheit erlebt, die Entscheider haben Heerscharen an Beratern, die genug von der Materie verstehen. Und es ist ja zudem nixht nur eine Person alleine, sondern ein Kollektiv aus mehreren Entscheidungsträgern, das die Eurozone - unter permanenter gegenseitiger Beglückwünschung zu Entschlossenheit, Gradlinigkeit und Vernunft - über den Abgrund gestoßen hat. Denn wir stehen längst nicht mehr an dessen Rand.

Wie ist es möglich, dass ich kleines Licht von Anfang an vom „Totsparen“ schieb, die Entscheider aber erst in den letzten Monaten – und auch nur einige – langsam erkennen, dass dieser Weg der falsche war? Muss man denn nicht eigentlich unterstellen, dass sie es „angeblich“ erst jetzt erkennen? Man handelte wie jemand, der in der Wüste Trockenlüfter aufstellt, um blühende Landschaften (sorry, der Querhieb musste sein) zu erschaffen. Das kann nur zwei mögliche Ursachen haben, wie ich schon öfter unterstrich: Entweder, die Entscheider sind kollektiv unfähig – und zwar alle – oder es steckt eine verborgene Absicht dahinter. Eine dritte Möglichkeit erschließt sich mir nicht. Was könnte diese Absicht sein?

Sie erinnern sich vielleicht, dass ich anfänglich, als ich diese Frage erstmals aufwarf, darauf hingewiesen hatte, dass die beiden anderen großen Wirtschaftsmächte USA und China natürlich höchst erfreut sein müssen, wenn die Konkurrenz eines vereinten „Wirtschafts-Europa“ sich gegenseitig tot beißt. Und da diese Krise letztlich durch die plötzlichen massiven Verkäufe griechischer Bonds gezielt losgetreten worden ist, was man alleine daran sah, dass die faktische Schieflage des griechischen Haushalts erst dadurch aufgedeckt wurde und die Ratingagenturen erst deutlich später reagierten, statt zu agieren, lag der Gedanke nahe, dass dieser Stich in die Achillesferse von dort gekommen sein könnte. Vorzugsweise aus den USA, denn dort wissen die grauen Eminenzen in Wirtschaft und Politik sehr wohl, dass das nach außen vorgegaukelte Bild einer stabilen, mächtigen Wirtschaft auf Treibsand steht. Warum, will ich hier nicht weiter ausführen, darüber habe ich schon oft geschrieben und werde es weiterhin tun. Aber hier lautet das Thema Europa. Und in meinen Augen kann man zum jetzigen Zeitpunkt behaupten, dass der Anstoß zur Selbstzerstörung NICHT von außen kam. Denn:

Wie hätte man sich dort sicher sein können, dass die Entscheider in Europa immer zielsicher genau das Falsche tun und so aus einem Zimmerbrand ein Großfeuer machen? Gar nicht. Aber nur so, mit permanenten Fehlentscheidungen, hätte man Europa aus dem Rennen nehmen können. Also kam der Impuls von innen. Noch einmal zurückgeblickt:

Griechenland konnte sich mit seiner maroden Struktur jahrelang ohne größere Probleme in der Eurozone durchwursteln. Und dass das Fundament dort instabil war, wusste man schon bei der Aufnahme des Landes, hatte da aber bereitwillig weggeschaut und die geschönten Zahlen akzeptiert. Hätte man im März 2010 sofort Geld hineingepumpt und zugleich Wachstumsimpulse gesetzt, statt durch Sparvorgaben die Rezession loszutreten und danach zu zementieren, wäre es nicht zu dem Dominoeffekt gekommen, der durch die Anleihecrashs in anderen schwachen EU-Staaten entstand. Man hätte auch die Schieflagen der Banken verhindert oder zumindest deutlich hinausgezögert, denn von deren Herumgezocke mit dem Geld anderer Leute abgesehen waren es die massiven Verluste im Bereich der Festverzinslichen, die auch hier einen Dominoeffekt auslösten. So betrachtet ist es fast amüsant, die Politiker davor reden zu hören, dass ein Austritt Griechenlands einen solchen Effekt auslösen könnte. Ist längst passiert, Freunde. Und ich vermute sehr, die oberen Chargen wissen das genau!

Man hätte sich die Rettungsschirme und die Billionen-Flut sparen können, hätte man von Anfang an richtig gehandelt. Aber wie gesagt, der Gedenke muss einem kommen: Das war ja gar nicht beabsichtigt, im Gegenteil, diese Krise wurde vor gut zwei Jahren womöglich angeschoben. Ich betone dabei: Ich denke hier schriftlich nach, es sind Überlegungen, die ich anhand dessen, was geschehen ist, anstelle, als wäre es meine Aufgabe, in einem Kriminalfall zu ermitteln. Und ich tue dies laut, weil ich sehe, dass diese Salamitaktik, dem Wahlvolk Europas die Realität scheibchenweise, nachträglich und immer in geschönter Form weiterzureichen, dazu führt, dass viel zu viele Menschen den Überblick verlieren, sich in sich selbst zurückziehen und somit den Weg frei machen, das (in meinen Augen) angestrebte Ziel ohne Widerstand zu erreichen: eine Euro-Kernzone. Oder, anders ausgedrückt, einen „Rückbau“ der Eurozone. Wieso?

Nun, überlegen wir doch mal. Damals, im Zuge des eisernen Willens, die große Geige spielen zu wollen, den USA ebenso wie der besorgniserregend schnell wachsenden Konkurrenz der BRIC-Staaten Paroli bieten zu wollen, wurde alles und jeder in die EU bzw. die Eurozone aufgenommen, der nur wollte. Hauptsache schnell groß und mächtig sein. Doch im Zuge der Krise 2008/09 merkte man auf einmal, dass dieses Gebilde instabil war. Hätte man schon vorher wissen können, wollte es aber nicht wissen. Es lief ja alles so wunderbar.

Doch da wurde offenbar, dass sich dieses Europa der zwei Geschwindigkeiten nicht von alleine vereinen konnte. Alleine eine gemeinsame Währung und eine „Laberbude“ namens Europa-Parlament, das brachte mehr Probleme, als es löste. Der gemeinsame Außenauftritt, die gemeinsame Währung, alles eine feine Sache. Aber bei der Finanzierung musste es irgendwann Probleme geben. Es gab weder eine gemeinsame Fiskalpolitik noch eine gemeinsame Rechtsprechung oder Steuergesetzgebung. Was bedeutete, dass die schwächeren Länder sukzessive mehr profitierten als die starken. Aber was tun?

Man konnte sich ja nicht einfach hinstellen und sagen: „Hey, Mensch, war blöd, was wir gemacht haben. Wir wollten den großen Reibach machen, jetzt aber sehen wir, dass wir uns da verhoben haben, also alles zurück auf Anfang.“ Davon abgesehen, dass Länder wie die momentan unter Wasser stehenden selbstredend nicht das geringste Interesse gehabt hätten, wieder ihre eigene Suppe zu kochen, hatte man dummerweise vergessen, in der EU-Gesetzgebung eine Regelung für den freiwilligen oder unfreiwilligen Austritt einzubauen. Klar, im Zuge der vorherigen Großmannssucht kam niemandem der Gedanke, dass das nötig werden könnte. War es nun aber aus Sicht der stärkeren Staaten (Achtung, ich wiederhole: Ich denke nur laut nach, erzähle eine Geschichte, wie sie meiner Ansicht nach sein könnte).

Angenommen, es war so – was konnte man tun, um sich vom scheinbaren Ballast der schwächeren Länder zu befreien? Nun, genau das, was seit März 2010 passiert. Man macht genau das Gegenteil dessen, was sinnvoll wäre und bringt dadurch diese Länder so sehr in Not und die Bevölkerung dieser Staaten gegen sich auf, dass diese selbst und mit Freuden alle Nachteile akzeptieren, nur, um die Eurozone endlich verlassen zu können. Noch verbinden die Menschen den Euro nicht mit der Befreiung aus der Zwangslage, noch richtet sich die Wut gegen das Spardiktat und die EU als solche. Aber nach und nach geht dieser Plan, so er denn tatsächlich existiert, seinen Weg. Jeder Seite will, was das Meinungsbild der Bevölkerung angeht, zusehends die andere loswerden.

Aber warum versucht man nicht einfach, die EU-Gesetzgebung zu verändern? Weil man dann offen legen müsste, was man erreichen will. Und das wäre etwas, immer vorausgesetzt, ich hätte recht, das „stinkt“. Um den daraus zwangsläufig entstehenden Unfrieden zu vermeiden, geht man einen Weg, der wirkt, als wäre all diese Unbill irgendwie unvermeidbar, schicksalhaft. Und da sich dieser Weg so klammheimlich und langsam vollzieht, könnte es sogar sein, dass die massive Aufwertung eines „Kern-Euro“, der dann entstehen würde und worauf viele längst z.B. über Bundesanleihen spekulieren, sogar ausbleibt. Natürlich ginge das alles nicht ohne massive Schuldenschnitte, denn sonst könnten die ausgegrenzten Länder ihre in Euro lautenden Schulden mit einer neuen Währung nie bezahlen. Aber selbst das wäre ja, bei den aktuellen Perspektiven hinsichtlich Zinslast und Ausfallrisiken, irgendwann akzeptabel. Es muss nur noch ein wenig schlimmer werden – und das wird es.

Könnten diese Gedanken stimmen? Könnte es ein solches Ziel, einen solchen Plan wirklich geben? Wer weiß. Ich bitte Sie nur: Machen Sie sich ihre eigenen Gedanken, anstatt sich ihre Meinung durch dieses scheibchenweise Preisgeben der Fakten unbemerkt von anderen formen zu lassen!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)
Kommentare

Sie sind nicht eingeloggt! Sie können Kommentare nur sehen, wenn Sie eingeloggt sind und ein aktuelles Abonnement besitzen. Log-In