Gespenstische Gelassenheit: Trump öffnet die Büchse der Pandora

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vom Smart Investor

Der Politikstil von US-Präsident Trump bleibt weiter gewöhnungsbedürftig und wirkt(!) erratisch. Kaum keimen in Nordkorea Hoffnungen auf Entspannung, schon wurde gestern der latente Konflikt im Nahen Osten sichtbar eskaliert – mit der einseitigen Kündigung des Iran-Atomabkommens durch die USA. Relativ schnell wurde davon gesprochen, dass Trump mit der Aktion etwas von dem innenpolitischen Druck ableiten wolle, der gerade wieder einmal auf ihm lastet. Auch ist der Hinweis wohl zutreffend, dass Trump seinem Amtsvorgänger dessen einzigen außenpolitischen Erfolg nicht gönnte. Denn schon im Wahlkampf kündigte der jetzige Präsident an, dass er das Abkommen kippen werde. Er habe damit nur Wort gehalten, wie er gestern die Weltöffentlichkeit wissen ließ. Dennoch erscheinen solche Erklärungen angesichts der Dimensionen dieser Angelegenheit nicht wirklich überzeugend. Zumal Experten für Außenpolitik wie der freie Genfer Korrespondent Andreas Zumach seit geraumer Zeit vor genau dieser Eskalation rund um den Iran warnen. Lesen Sie hierzu auch das Interview im aktuellen Smart Investor 5/2018 ab Seite 30.

 

Klare Entwicklungslinien

Insofern hat Trumps gestriger Schachzug vermutlich weniger mit Zufälligkeiten und Animositäten zu tun als es den Anschein hat. Praktisch punktgenau vor der anstehenden Entscheidung der USA, die am 12. Mai fällig gewesen wäre, lieferte Israels Premier Benjamin Netanjahu mit umfangreichen Anschuldigungen hinsichtlich iranischer Pflichtverletzungen aus dem Atomabkommen die Steilvorlage für den US-Ausstieg. Dagegen ließ die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) verlauten, dass sie keine Vertragsverletzungen der Iraner feststellen konnte. Zudem holte Trump in den letzten Monaten, ja Wochen, zwei ausgewiesene Iran-Falken an den Kabinettstisch: John Bolton als Nationalen Sicherheitsberater und Mike Pompeo als Außenminister.  Noch am Tag seiner Ernennung startete Pompeo seine erste Auslandsreise die ihn zunächst zur NATO nach Brüssel und anschließend nach Israel und Saudi-Arabien führte, also zu den beiden Intimfeinden des Iran in der Region. Kurz darauf präsentierte Netanjahu seine Anschuldigungen. Auf Trumps gestrige Ankündigung applaudierten dementsprechend zunächst einzig Israel und Saudi-Arabien. Wir erinnern uns: Trumps erste Auslandsreise führte nach Riad und mündete dort in einen 350-Mrd.-Dollar-Rüstungsdeal mit der dortigen Diktatur. Wer Entwicklungslinien in der „erratischen“ US-Außenpolitik nicht erkennen kann, sollte sich eine Brille zulegen.

 

Karten neu gemischt

Offen ist, wie das Ganze weitergeht. In London, Paris und Berlin, die wie Moskau und Peking ebenfalls Vertragspartner von Teheran sind, waren die Reaktionen verhalten. Man wolle an dem Abkommen weiter festhalten. Das schien sich auch als Leitlinie in Teheran herauszukristallisieren, obwohl hier unmittelbar die Grabenkämpfe zwischen Hardlinern und Gemäßigten aufbrachen. Deutlich wurde, dass sich Europa und Amerika auch in dieser Frage voneinander entfernen: Ist ein schlechter Deal besser als gar keiner? Israel öffnete jedenfalls noch gestern Abend die Schutzräume für die Zivilbevölkerung, während gleichzeitig aus dem Iran ungewöhnliche Truppenbewegungen gemeldet wurden. Heute sollen iranische Kräfte innerhalb Syriens von Israel angegriffen worden sein. Auch wie sich die Rolle rückwärts aus einem bestehenden internationalen Abkommen auf die US-Reputation bei den Verhandlungen in Nordkorea auswirken wird, ist derzeit vollkommen offen.

 

Zeichen der Stärke

Die weltpolitische Lage ist also unübersichtlich und potenziell höchst bedrohlich. Die nun real möglichen Szenarien – bis zu einem weiteren heißen Nahostkrieg – lösen üblicherweise Panikattacken an den Märkten aus, doch es geschah buchstäblich nichts. Weder war gestern den amerikanischen, noch heute den asiatischen oder europäischen Märkten anzumerken, dass hier gerade Weltgeschichte geschrieben wird. Es herrschte eine geradezu gespenstische Gelassenheit. Auch das Krisenbarometer Gold sprang – aus welchen Gründen auch immer – nicht an. Man war geneigt nachzusehen, ob die Märkte nicht vielleicht aufgrund eines Feiertages geschlossen sind. Noch nicht einmal eine erhöhte Volatilität im Sitzungsverlauf war zu beobachten. Im Prinzip muss man es als Zeichen der Stärke werten, dass diese negative Überraschung so erstaunlich gut aufgenommen wurde, denn längst nicht alle Marktteilnehmer hatten mit dem Ausstieg der USA gerechnet.

Der DAX arbeitet weiter an der hier schon mehrfach angesprochenen rechten Schulter einer möglichen Schulter-Kopf-Schulter-Formation. Zudem befindet er sich nun unmittelbar an der wichtigen Widerstandszone im Bereich von 12.870 bis 13.000 Punkten. Auch technisch gäbe es also gute Gründe für die Marktteilnehmer, einmal ein paar Aktien abzugeben. Die wichtige Botschaft für den Moment lautet, dass auch dieses Angebot für sinkende Kurse nicht angenommen wird. Sollte die Widerstandszone gar überwunden werden, dann wäre sogar das Allzeithoch erneut in greifbarer Nähe.

 

Trendwende vollzogen

Ein unterstützender Faktor für die exportorientierten deutschen Aktien ist sicher die anhaltende Schwäche des Euro bzw. Stärke des US-Dollar. Allerdings sollte hier zwischen einer kürzer- und einer längerfristigen Perspektive unterschieden werden: Eine schwache eigene Währung bringt den Exporteuren zwar „windfall profits“, schwächt sie aber langfristig. Zur Erinnerung: Die deutsche Exportindustrie entwickelte einst ihre legendäre Stärke trotz oder vielleicht sogar wegen des permanenten Aufwertungsdrucks der Deutschen Mark. 

Neben den hier – und vor allem im Smart Investor Magazin – oft thematisierten Konstruktionsfehlern des Euro und der verfehlten EZB-Politik kommt für die Gemeinschaftswährung nun ein möglicher militärischer Konflikt vor der eigenen Haustür dazu. Da könnte der US-Dollar auf die Schnelle wieder genau der Ort werden, an den sich das Kapital zurückzieht. Von internationalen Krisen hat die „Save Heaven“-Währung noch allemal profitiert, selbst dann, wenn die Krise durch die amerikanische Politik ausgelöst wurde. Zwar stieg der US-Dollar gestern weiter an, aber nicht einmal diesen Anstieg kann man ernsthaft als Vorboten einer globalen Krise werten. Vielmehr hat die amerikanische Währung bereits seit Wochen Rückenwind, nachdem sie ihre Talfahrt des Vorjahres mit einer überzeugenden Bodenbildung beendete (vgl. Abb., blaue Formation und SIW 17/2018). Wir hatten an dieser Stelle bereits frühzeitig auf diese Chance hingewiesen und auch in unserem Musterdepot entsprechend disponiert. Während zu Beginn des Jahres 2017 viele – auch wir – davon überzeugt waren, dass der US-Dollar im Vergleich zum Euro die „solidere“ Alternative darstellt, hatte ihn nach der Talfahrt des vergangenen Jahres kaum noch jemand auf dem Radar. Zoomt man jedoch aus der Darstellung ein wenig heraus, dann ist die neue Dollarstärke eher als Rückkehr zur Normalität zu bewerten (vgl. Abb., langfristiger schwarzer Aufwärtstrend). Wenn man zwischen Euro und US-Dollar wählen muss, erscheint die amerikanische Leitwährung mittel- bis langfristig als die klar bessere Alternative. Dabei sollte man auch im Hinterkopf behalten, dass im europäischen Bankensystem eine gewaltige Sprengkraft lauert, die durch die sogenannte Bankenunion sogar noch verstärkt wird. Dr. Markus Krall, Autor des Bestsellers „Der Draghi-Crash“, stand uns im aktuellen Smart Investor 5/2018 ab Seite 74 Rede und Antwort zu seiner These einer fast schon mathematischen Präzision, mit der uns die Bilanzen europäischer Geldhäuser in spätestens zwei Jahren um die Ohren fliegen werden. Je mehr Marktteilnehmern bewusst wird, welches Vernichtungswerk Draghis Nullzinspolitik in der Eurozone angerichtet hat, desto mehr werden die relative Sicherheit des US-Dollar suchen.

 

Fazit

Die einseitige Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch die USA bringt den schwelenden Nahost-Konflikt nun sichtbar in eine neue Dimension. Noch reagieren die Märkte gelassen, was als Zeichen der Stärke gesehen werden kann. Das muss nicht so bleiben.

 

© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

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