Löcher in der Matrix - Alles Walzer?

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Von Ralph Malisch

Wer es sich gestern mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher gemütlich machte, um ganz unbeschwert in die Welt des Glamours abzutauchen, der wurde ein wenig enttäuscht. Zwar ging es am Wiener Opernball – nach Meinung vieler „der Ball der Bälle“ – erwartungsgemäß glamourös zu, aber eben nicht nur. Denn auch das vor A-, B-, C- und vor allem P(olit)-Prominenz strotzende Ereignis darf nicht länger unpolitisch sein.... Jede Bühne wird genutzt, jede Plattform ist erlaubt, um den Menschen immer wieder die Glaubenssätze des Establishments einzuhämmern. So hatte Bundespräsident Van der Bellen diesmal Auma Obama als Stargast eingeladen. Die ORF-Moderatoren überschlugen sich fast bei der Feststellung, dass Frau Obama „eigentlich“ eine Germanistin sei und perfekt Deutsch spreche. In diesem Tonfall aus Verkniffenheit und vorauseilendem Gehorsam wurde Maria Großbauer indirekt getadelt, die Frau Obama doch tatsächlich auf Englisch begrüßt hatte. Natürlich wussten alle Beteiligten, was Frau Obama einmal studiert hatte und dass ausgebildete Germanisten in aller Regel der deutschen Sprache mächtig sind, und zwar ganz unabhängig von der Hautfarbe. Die Botschaft war freilich eine andere, denn Auma Obama ist die Halbschwester des früheren US-Präsidenten gleichen Nachnamens, „der Mann, dem viele, viele Millionen Amerikaner nachtrauern“, so die Stimme aus dem ORF-Off. Die Einladung war damit wohl auch ein weiterer Akt des Widerstands gegen den aktuellen Amtsinhaber, wenn auch auf „Wadlbeißer“-Niveau.

Politisch ging es weiter mit „Conchita“, die als Ehrengast des österreichischen Justizministers Josef Moser zum Ball kam. Nach eigenem Bekunden vertrete sie ähnliche Interessen wie der Herr Minister, „vor allem“ stünden beide für die Erhaltung der Menschenrechte ein, was wohl so klingen sollte, als ob diese ohne den mutigen Einsatz des Duos akut bedroht wären. Über den Brexit habe „Conchita“ sich erschrocken und es sei „unglaublich wichtig“, dass alle zur Europawahl gingen. Brav, auch wenn der neue Look mit Glatze und Vollbart nicht überall Beifall fand.

Selbst um die Hymne wurde politisiert: Während Bundeskanzler Kurz angeblich gar nicht mitgesungen hat, soll Bundespräsident Van der Bellen die „Töchter“ im Text verschluckt haben, so zumindest hyperventilierte die eifrig lippenlesende Twitteria vor den Bildschirmen. Dabei war die Hymne doch erst 2011 frisch gegendert worden, damit künftig die „Heimat großer Töchter und Söhne“ besungen werden konnte. Ob es inzwischen schon Initiativen gibt, auch Diverse oder die nicht ganz so großen Österreicher hymnentechnisch einzubinden, ist hier nicht bekannt.

Vor dem Hintergrund all der politischen Bekenntnisse und Demonstrationen, die früher vor dem Opernhaus stattfanden, dem Publikum heute aber gegen eine geringe Zwangsgebühr direkt auf die Fernsehcouch gekotzt werden, erschien der mittlerweile 86jährige Baumeister Richard „Mörtel“ Lugner fast schon als Vertreter des traditionellen Balls: Denn auch diesmal hatte er keine zeitgeistig gehypte Plus-Size-Frau mit unrasierten Beinen im Schlepptau, sondern das ehemalige australische Fotomodell Elle „The body“ Macpherson.

Wie sehr inzwischen selbst den Amerikanern – sicherlich auch „vielen, vielen Millionen Amerikanern“ – die Dauerpolitisierung des Showbiz auf die Nerven geht, wurde schon bei der diesjährigen Oscar-Verleihung deutlich. Schauspieler als Tugenddarsteller – gelernt ist gelernt – und die üblichen „mutigen“ Sätze gegen Trump in Endlosschleife mag man einfach nicht mehr sehen und hören. Insbesondere Anhänger der Republikaner lassen bei diesem Dauerbeschuss durch die „Guten & Gerechten“ ihren Fernseher lieber gleich ganz aus. Zumindest bei diesen Ereignissen kann man der penetranten Politisierung unseres Alltags noch durch einen simplen Knopfdruck entgehen. Zum Oscar-Spektakel findet sich übrigens bei „Bild Politik“ ein launiger Kommentar von Timo Lokoschat.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

Photo by Markus Spiske 

 

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