Löcher in der Matrix - Humanitäre Krise

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von Ralph Malisch

Unter der Überschrift „Der Exodus der Venezolaner“ erzählt uns SPIEGEL Online die Geschichte von „Millionen Venezolanern“, die vor „der wirtschaftlichen und humanitären Krise in ihrem Land“ fliehen. Wir erfahren von den desolaten Zuständen im Lande selbst und von anderen Ländern, die die Menschen aus Venezuela aufnehmen, allen voran das Nachbarland Kolumbien, sowie weitere süd- und mittelamerikanische Staaten. Und wir erfahren von Konflikten in Grenzdörfern, etwa dem brasilianischen Pacaraima, wo es schwere Ausschreitungen und Menschenjagden auf Venezolaner gegeben haben soll. Ob es sich dabei – wie nach Stand der Dinge im sächsischen Chemnitz – um lediglich imaginierte „Menschenjagden“ gehandelt hat, oder ob Chemnitz inzwischen einfach überall ist und „sächsische Menschenfeinde“ nun sogar im fernen Brasilien Ihr Unwesen gegen „Schutzsuchende“ treiben, ist von hieraus nicht zu beurteilen.

Abseits dieser Tagesereignisse interessiert uns natürlich welcher Art diese humanitäre Krise ist. Was ist die Ursache der massiven Fluchtbewegung? Schließlich gehört die „Bekämpfung von Fluchtursachen“ zu den wenigen Punkten, bei denen alle in der aktuellen Debatte einig zu sein scheinen. Da aber wird der SPIEGEL-Beitrag einsilbig. Wir erfahren zwar von „Wirtschaftskrise, Hyperinflation, fehlenden Nahrungsmitteln und Medikamenten sowie politischer Verfolgung“, wie das „einst reiche Land“ – Venezuela verfügt neben Saudi-Arabien über die größten Erdölreserven der Welt – in diesen beklagenswerten Zustand abgerutscht ist, erfahren wir jedoch nicht. Erdbeben, Krieg, Tsunami? Nichts von alledem.

Die Ursache der Malaise war der Umbau des Wirtschaftssystems unter Hugo Chávez. Als ökonomischer Analphabet frönte der langjährige „Presidente“ mit höchst absehbarem Ergebnis dem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Je schlimmer die Lage wurde, desto autoritärer gab sich das Regime – typisch für Sozialisten jeglicher Couleur, die niemals liefern, was sie vollmundig versprechen. In linken Kreisen genoss Chávez dennoch – auch hierzulande – höchste Anerkennung. Zunächst. Als das Kind dann aber in den Brunnen gefallen war, distanzierte man sich von seinem Weg, der nun plötzlich nichts, aber auch rein gar nichts mit dem „wahren“ Sozialismus zu tun hatte. Immerhin trällerte Chávez hin und wieder ein Liedchen.

Unter Nachfolger Nicolás Maduro hörte die Musik dann endgültig auf zu spielen. Ein typischer Apparatschik mit harter Hand nach innen und einem Horizont, der kaum über die geballte Faust hinausreicht. Vergebens versuchte er sogar das Land mit einem eigens geschaffenen Kryptogeld zu sanieren, nicht wissen wollend, dass in dieser Szene Freiwilligkeit und Vertrauen alles sind; also genau das Gegenteil von den Dingen, für die Maduro steht. Als nächstes vielleicht ein Kettenbrief?

Nicht nur in Venezuela stellt also die gar nicht so seltene Kombination aus autoritärem Regime und kaputt gesteuertem Wirtschaftssystem die wesentliche Fluchtursache dar. Am Anfang gehen die Klugen und Mobilen, am Ende die Hungernden und Verzweifelten. Auch dem SED-Regime und seinem Biedermeier-Sozialismus wären die Bürger in Scharen nach Westen davongelaufen, wenn man sie nicht kurzerhand eingesperrt hätte. Das könnte die aktuelle Bundeskanzlerin durchaus noch wissen, auch wenn deren Vater, der „rote Kasner“, seinerzeit in die Gegenrichtung irrlichterte. Statt aus der vollkommen eindeutigen Empirie des real existierenden Sozialismus in all seinen Schattierungen endlich einmal etwas zu lernen, wird aber wohl bereits fleißig am „Sozialismus des 22. Jahrhunderts“ gestrickt, dem wahrhaft demokratischen mit dem überaus menschlichen Antlitz. Und der wird dann auch ganz bestimmt wieder „funktionieren“, zumindest, wenn er sich als Wirtstier wieder ein ausreichend wohlhabendes Land sucht, das er bis zu seinem unvermeidlichen Zusammenbruch ein paar Jahre oder Jahrzehnte aussaugen kann.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

Photo by Markus Spiske

 

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