Löcher in der Matrix - Rentner für Europa. Jetzt!

Tags: Rentner für Europa. Jetzt! Löcher in der Matrix Smart Investor Ralph Malisch

von Ralph Malisch

Mit politischen Aufrufen will das Handelsblatt einfach kein Glück haben. Mit Grausen erinnern wir uns an eine Aktion aus dem Jahr 2010: „Wir kaufen griechische Staatsanleihen!“, hieß das seinerzeit. Dem damaligen Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart gelang es, einige mehr oder weniger prominente Zeitgenossen zu einer Art Ehrenerklärung für den griechischen Staatshaushalt zu bewegen.

Handelsblatt-Redakteure waren naturgemäß überrepräsentiert, ebenso wie Politiker und Vorstände von Unternehmen, die aufgrund ihres Geschäftsmodells eine große Nähe zur Politik haben: Energieversorger, Banken und Versicherungen. Auch Prof. Hans-Werner Sinn, damals noch Präsident des Münchener ifo-Instituts, ließ sich ein Statement abnötigen, das in seiner Kürze deutlich hintersinniger und klüger war, als das was die dort ansonsten versammelten Damen und Herren zum Besten gaben: “Ich finde es gut, für Griechenland Partei zu ergreifen. Aber den Kauf griechischer Staatsanleihen kann ich nicht guten Gewissens empfehlen. Stattdessen empfehle ich, in Griechenland Urlaub zu machen. Da weiß man, dass man etwas für sein Geld kriegt.“ Man musste seinen ökonomischen Sachverstand also nicht an der Haustür abgeben, wenn man ein Zeichen setzen wollte. Ansonsten hatte die Aktion – je nach Temperament – irgendetwas zwischen Kopfschütteln und Häme ausgelöst.

Letzten Sonntag war es also wieder soweit und das Handelsblatt versuchte sich erneut mit einer Kampagne in Sachen EU, die dort noch immer gerne mit Europa verwechselt wird:

„Für ein solidarisches Europa – Machen wir Ernst mit dem Willen unseres Grundgesetzes, jetzt!“

Unter dieser Überschrift folgt ein pathetischer Polit-Schwulst, bei dem wohl nicht nur Verfassungsrechtlern und Ökonomen, sondern auch Historikern die Haare zu Berge stehen müssen. Auch diesmal wieder mit von der Partie ist der gelernte Lehrer Hans Eichel, der von 1999 bis 2005 als Finanzminister dilettierte. In seine Amtszeit fiel der erschlichene und letztlich fatale Beitritt Griechenlands zum Euro. Da half auch die in der Vorgängeraktion so großzügig angekündigte Solidarität mit Griechenland nichts. Zumal es in der Sache, da ist SPD-Mitglied Eichel ganz Sozi, bei der verbalen Ankündigung von Solidarität geblieben war. Griechische Staatsanleihen hatte Eichel nämlich selbst gar nicht gekauft. In einem Beitrag des Focus wurde Eichels Aktion schon damals als „skuril“ bezeichnet, besonders angesichts seiner Vorgeschichte als Finanzminister. Der Beitrag „Gestatten, Hans Eichel, Griechen-Retter“ ist auf Google übrigens wie folgt angeteasert: „Hans Eichel stellt mit seiner Unwissenheit mal wieder alles in den Schatten.“ Das war bereits im Jahr 2010 und dem ist bis heute wenig hinzuzufügen. Das freilich hindert den tapferen „Sparhans“ jedoch nicht daran, nun mit abstrusen Argumenten „Solidarität mit Europa“ zu üben, freilich auch diesmal nur mit wohlfeilen Worten. Bei der Aktion der Polit-Rentner und sonstigen Ehemaligen ist übrigens auch Roland Koch mit von der Partie, der frühere hessische Ministerpräsident und frühere Vorstandschef des Traditionskonzerns Bilfinger, der unter seiner Ägide allerdings, nun ja, nicht eben prosperierte. Genau das sind die Herren, die sich nun als moralische Instanzen aufspielen und gleich “Solidarität” für ganz Euopa einfordern – auf Basis eines „Willens unseres Grundgesetzes“, der in dieser Form lediglich herbeifantasiert ist. Ja, haben die denn im Kleinen noch nicht genug Schaden angerichtet?!

Nun ist das Handelsblatt allerdings in der glücklichen, für solche Polit-Aktionen aber dennoch misslichen Lage, über kluge Leser zu verfügen. Und deren Kommentare, sofern sich überhaupt noch jemand bemüßigt fühlt, eine derartige Kampagne zu kommentieren, fallen entsprechend überwältigend negativ aus. Nach knapp einer Woche kommentierten ganze zehn Leser. Wie meinte einer treffend, man könne sich nun “ein Urteil machen … über die geistige Verfassung angeblich führender Köpfe”.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

Photo by Markus Spiske 

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