SIW 37/2019: Alte weise Männer - Schlange stehen für gutes Geld

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Aufatmen nach „Blutbad“

Nachdem der Goldpreis seit Juni praktisch nur eine Richtung kannte und von rund 1.300 USD/Feinunze in der Spitze um mehr als 250 USD/Feinunze zulegte, befindet sich der Markt aktuell im Korrekturmodus. Das wäre an sich nicht ungewöhnlich. Auch große Trends werden immer wieder einmal von Korrekturen unterbrochen. Die Besonderheit des Goldmarktes ist eher dessen mediale Begleitung...: Wäre der DAX in nur drei Monaten um knapp 20% gestiegen, hätten sich die professionellen Marktbeobachter vermutlich mit immer höheren Kursprognosen gegenseitig überboten. Beim Gold wurde der Trend dagegen medial erst relativ spät wahrgenommen und vergleichsweise verhalten kommentiert. Euphorische Kursziele blieben Einzelmeinungen. Eine solche mediale Zurückhaltung ist zwar grundsätzlich sehr positiv für den weiteren Fortbestand einer Hausse, dennoch bleibt der Eindruck, dass sich der Mainstream mit rasant aufwertenden Edelmetallen ganz grundsätzlich schwer tut. Dagegen wurde das „Blutbad“ am Goldmarkt, also der heftige Kursrücksetzer vom vergangenen Donnerstag, geradezu mit Aufatmen kommentiert.

 

Biete Bargeld, Suche Gold

Die Anleger in physischem Metall schienen allerdings weit weniger schreckhaft auf die Ereignisse zu reagieren als die Kommentatoren. Als wir nämlich am Freitag nach dem Rücksetzer einige Silberunzen für eine Hochzeitsfeier erwerben wollten, waren wir bei einem der großen Münchner Goldhändler mit langen Schlangen und Wartezeiten von rund einer Stunde konfrontiert. Das waren wohlgemerkt Käufer. Unser Entschluss, noch einmal in ein paar Tagen vorbeizuschauen, wurde von den Wartenden mit einem fast schon mitleidigen Blick quittiert. Zumindest in dieser Hinsicht haben wir Recht behalten. Denn es gab auch heute noch Silber zu kaufen und es ist sogar noch einmal billiger geworden. Entscheidender ist aus unserer Sicht allerdings etwas anderes: Nach einem Kurseinbruch steigt das Kaufinteresse für physische Ware sofort sprunghaft an. Das ist in diesem Jahr sogar besonders nachvollziehbar, weil die aktuelle Meldegrenze für Bargeldgeschäfte von 10.000 EUR nach den Vorgaben der EU-Richtlinie 2018/843  ab spätestens 10. Januar 2020 massiv auf 2.000 EUR gesenkt werden wird. Eile ist also geboten. Es ist zudem überwiegend eine bestimmte Klientel, die sich da an einem Werktag geduldig vor dem Schalter einreiht. Alte weise(!) Männer – und das ist durchaus anerkennend gemeint. Denn die Herren setzen mit dem Kauf solcher Kursrücksetzer im Aufwärtstrend („Buy on dips“) eine geradezu klassische Anlagestrategie um. Von einem „Blutbad“, „donnernden Kanonen“  oder einem „fallenden Messer“ (vgl. Smart Investor 9/2019, Titelstory „Börsenweisheiten“) ist der Goldmarkt jedenfalls weit entfernt, auch wenn zuletzt sogar die magische Marke von 1.500 USD/Feinunze wieder unterschritten wurde.

 

„Wir“ haben uns überschätzt

Absurde Bewertungen, alles andere als überzeugende Geschäftsmodelle und dennoch milliardenschwere Börsengänge von relativ jungen US-Technologieunternehmen sind die Anleger aus den letzten Monaten mehr als zur Genüge gewohnt. Der nun auf der Kippe stehende Börsengang der We Company (ehemals WeWork) setzt jedoch neue Standards in Sachen Absurdität: Dies fängt bei der Bewertung an, die bei der letzten Finanzierungsrunde im Januar noch bei 47 Mrd. USD (!) gelegen hat. Um es zu verdeutlichen: Dies entspricht in etwa dem 26-fachen des Umsatzes. Über ein KGV oder ähnliche Kennzahlen brauchen wir gar nicht reden. Denn die We Company (später mehr zu diesem Namen) erzielt seit ihrer Gründung kontinuierlich Verluste, die üblicherweise proportional mit den Umsätzen wachsen. Alleine im ersten Halbjahr 2019 verbrannte das Unternehmen 900 Mio. USD. All dies ist einer einfachen Tatsache geschuldet: WeWork möchte ein Technologieunternehmen sein, kein schnöder Zimmeruntervermieter. Im vorgelegten IPO-Prospekt fällt ganze 123-mal der Ausdruck „Tech“. Der potentielle Markt: Sie ahnen es, natürlich der gesamte Markt für Büroimmobilien – also alle! Darf man den Verlautbarungen des fiebrig-visionären WeWork Gründers Adam Neumann Glauben schenken, wird in Zukunft quasi jeder Arbeitsplatz in einem Co-Working-Space sein, idealerweise natürlich in einem, der sich im Besitz von WeWork befindet. Im Grunde genommen ist das Geschäftsmodell von WeWork dabei denkbar einfach: Das Unternehmen mietet Büroflächen an, gestaltet diese zu hippen, moderne Großraumbüros im Startup-Stil mit angeschlossener „Käffchen“-Theke um und vermietet einzelne Arbeitsplätze weiter. Die Kunden sind typischerweise Start-Ups oder Möchtegern-Start-Ups, für die ein eigenes Büro zu unflexibel und/oder zu teuer wäre. Werden diese erfolgreich und damit größer, ziehen sie jedoch meist wieder bei WeWorks aus um sich etwas Eigenes zu suchen. Auch die gescheiterten Unternehmen werden notgedrungen irgendwann bei WeWork ausziehen.

 

Out of Office

Solange massenhaft Geld in die Start-Up-Szene fließt, ist für Nachfrage bei WeWork gesorgt. Sollte dieser Geldfluss jedoch einmal versiegen, dürften die schicken Büros plötzlich leerstehen – die Mietverträge dagegen weiterlaufen. Doch damit nicht genug: Das Unternehmen hat eine katastrophale Corporate Governance. Kurz vor dem Listing musste WeWork unbedingt in „The We Company“ umbenannt werden – als ob dieser neue Name irgendetwas besser machen würde. Wie es der Zufall will, hatte sich Gründer (und Großaktionär) Neumann allerdings bereits die Rechte an diesem neuen Namen gesichert. WeWork musste ihm also 5,9 Mio. USD in Aktien bezahlen, um diesen Nonsens nutzen zu dürfen. Erst nach viel öffentlicher Kritik wurde diese Zahlung von der We Company (ja, der Name bleibt auch nach vielen Wiederholungen lustig) rückgängig gemacht. Gerüchten zufolge würde ein Börsengang nach dem verheerenden Medienecho und geringem Zuspruch von Investoren lediglich bei einer Bewertung von 20 Mrd. USD oder weniger klappen. Immer noch völlig irre, aber auch ein gewaltiger Tritt in den Hintern von Neumann und seinen größenwahnsinnigen Investoren. Der Großaktionär SoftBank drängt hinter der Kulisse nun auf eine Absage des IPOs – auch wenn dies ein verheerendes Signal an die Börse wäre. Auch SoftBanks Chefvisionär Masayoshi Son hat sich damit wohl eine heftige Klatsche eingefangen, die seinen VisionFund belasten dürfte. Kommt der Börsengang zu einer Bewertung von weniger als 47 Mrd. USD, dürfte der VisionFund Abschreibungsbedarf haben. Die vielen schönen Buchgewinne der letzten Quartale könnte dabei erheblichen Schaden nehmen. We Work, pardon, die We Company ist damit auch ein Sittengemälde der aktuellen Zustände an den Börsen, an denen Blasen stets solange aufgeblasen werden bis sie platzen (müssen).

 

 

Zu den Märkten

Erstaunlich stark entwickelt sich weiter der DAX (vgl. Abb.) und man muss sich die Frage stellen, ob es das mit dem Baisse-Versuch bereits war? Mehr als 1.000 Punkte konnte der Index seit dem letzten Zwischentief Mitte August bereits gutmachen. Die laufende Aufwärtsbewegung ist damit weit über ein bloßes Gap-Closing (vgl. Abb., roter Bereich) hinausgelaufen und hatte sogar genügend Aufwärtsdynamik entwickelt, um sich in die Nähe der alten Allzeithochs vorzuwagen. Einzig der inzwischen deutlich übergekaufte Zustand des Marktes ist ein technischer Minuspunkt. Dabei ist ein Joker für den Markt noch gar nicht richtig ausgespielt: Eine mögliche Entschärfung des chinesisch-amerikanischen Handelskonflikts. Sollte sich hier irgendetwas in die richtige Richtung bewegen, dann könnte das in den besonders stark betroffenen Exporttiteln echte Euphorie auslösen. Noch allerdings ist es nicht so weit. Positiv aus Sicht der Baissiers – und damit schlecht für den Markt – ist weiter das Gezerre um den Brexit und natürlich die Saisonalität: September und Oktober sind statistisch nun einmal die Monate, in denen für Aktienanleger kaum ein Blumentopf zu gewinnen ist. Allerdings ist angesichts der vielen Volten die beim Brexit inzwischen schon geschlagen wurden, kaum ernsthaft zu beurteilen, wie die Märkte reagieren werden, wenn die Kuh letztlich doch noch vom Eis kommt. Selbst ein ungeregelter Brexit könnte als „Ende mit Schrecken“ mit einer gewissen Erleichterung aufgenommen werden. Denn erstens, werden die Dinge selten so heiß gegessen, wie sie gekocht wurden und zweitens bemüht sich sowohl die britische Regierung – die Unternehmen tun das ohnehin schon längst – Risiken zu identifizieren und Vereinbarungen zu treffen, die auch ein Leben nach dem Brexit garantieren.

Interessant ist ein Blick in die Anatomie des jüngsten DAX-Aufschwungs: Innerhalb der letzten fünf Handelstage gab es (Stand: heute, 15:00 Uhr) vier Aktien, die zweistellige prozentuale Kursgewinne vorweisen konnten: thyssenkrupp (+17,0%), Continental (+13,7%), Infineon Technologies (+13,1%) und Deutsche Bank* (+12,3%). Die Auswahl zeigt schon, dass hier nicht gerade die Favoriten der letzten Monate neuen Höchstkursen entgegenstreben. Es ist eine Rally der Zykliker und DAX-Kellerkinder. Das allerdings gemahnt dann doch zur Vorsicht, denn ein nachhaltiger Aufschwung wird in der Regel von den stärksten, nicht aber von den schwächsten Aktien angeführt.

 

Früher Vogel fängt den Wurm …

Eine ganz besondere Veranstaltung für Edelmetall-Fans findet am 20. März 2020 mit dem SOLIT Go for Gold-Wertekongress 2020 in Wiesbaden statt. Erleben Sie Top-Experten wie Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Dr. Daniel Stelter, Dr. Daniele Ganser, Marc Friedrich und Matthias Weik und viele mehr. Warum wir Ihnen das heute schon erzählen? Der Veranstalter, die SOLIT Fonds GmbH, bietet Ihnen einen ganz besonderen „Super Early Bird-Tarif“ an. Wenn Sie bis zum 15. Oktober buchen, können Sie die Tickets für 90 EUR statt für den regulären Preis von 179 EUR erhalten. ABER: Schnell sein lohnt sich, denn das Kontingent in dieser Kategorie ist streng limitiert und kann auch bereits deutlich vor dem 15. Oktober ausverkauft sein. Nähere Informationen erhalten Sie unter: https://www.goforgold.de/

 

Musterdepot Aktien & Fonds

Im Musterdepot reagieren wir heute auf die aktuelle DAX-Stärke. Sie können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

Fazit

Der Goldpreis befindet sich nach dreimonatiger Hausse im Korrekturmodus. Ob die We Company je in einen Hausse-Modus kommt, sofern sie es denn überhaupt bis an die Börse schafft, muss dagegen bezweifelt werden.

© Ralph Malisch, Christoph Karl

https://www.smartinvestor.de

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