SIW 43/2019: Zeit der Dealmaker? Hängepartie um den Brexit nähert sich dem Ende

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Elefanten und Porzellanläden

Zwischen US-Präsident Donald Trump und dem britischen Premier Boris Johnson werden gerne Parallelen gezogen. Das reicht vom blonden Haarschopf über einen populistischen Politikstil bis zu einer zuvor nicht gekannten Hemdsärmeligkeit, mit der sich beide durch die Institutionen und das feine Gespinst internationaler Vertragswerke bewegen – eine ganz eigene Form der „kreativen Zerstörung“... Doch die beiden Elefanten in den Porzellanläden scheinen nun doch einige Erfolge zu erzielen, die viele Beobachter ihnen so nicht zutrauen mochten. So hatten die USA schon vor zwei Wochen einen ersten Deal mit China praktisch eingetütet, was von den Märkten entsprechend positiv aufgenommen wurde. Die Hoffnung ist erstens, dass die Angelegenheit vor einer Unterschrift nicht doch noch durch einen Trump-Tweet entgleist und zweitens, dass weitere Deals folgen werden. Eine solche Belebung des internationalen Handels könnten alle Länder gebrauchen, die derzeit von Konjunktursorgen geplagt werden.

 

Brexit-Finale?

Ein Überraschungscoup gelang auch Boris Johnson, der am 17. Oktober einen Austritts-Deal mit der EU vermeldete. Das hatten ihm weder Freund noch Feind so richtig zugetraut. In der Politik gehört es offenbar zu den wichtigeren Eigenschaften, unterschätzt zu werden. Die Börsen ließ dieser Deal – im Gegensatz zum amerikanisch-chinesischen vergleichsweise kalt. Schließlich ist dieser Austrittsvertrag nicht der erste, den London mit Brüssel ausgehandelt hat – damals auf britischer Seite noch unter Theresa May. Es ist wohl das Schicksal dieses Vertrags, das zur Vorsicht gemahnt. Seinerzeit erwies sich nämlich das britische Unterhaus als die entscheidende Hürde. An der scheiterte der alte Vertrag mehrfach und schließlich auch die Premierministerin selbst. Auch dieses Mal wurde sofort Kritik an dem Verhandlungsergebnis laut, wobei insbesondere Nigel Farage, Vorsitzender der von ihm erst 2019 gegründeten Brexit-Partei, kaum ein gutes Haar an dem Vertrag ließ. Tenor: Dieser „Austritt“ ist nur ein Austritt light. Dennoch können sowohl Remainers als auch Brexiteers dem Vertrag durchaus etwas abgewinnen, obwohl er beiden Seiten jeweils auch nicht weit genug geht. Ein klassischer Kompromiss also. Immerhin hat Johnson die „Backstop“-Regelung (Irland/Nordirland-Problematik) wegverhandelt und damit eine der härtesten Nüsse geknackt. Trotz zahlreicher parlamentarischer Finten der Johnson-Gegner konnte das Vertragswerk sogar schon die erste parlamentarische Hürde nehmen. Am Montag verabschiedete das Unterhaus die Withdrawal Agreement Bill mit der das Withdrawal Agreement – also der Vertrag zwischen Großbritannien und der EU – in britisches Recht umgesetzt werden soll. Allerdings wurde das Eilverfahren, The Programme Motion, abgelehnt, weshalb der Termin 31. Oktober nicht mehr zu halten sein wird. Die EU müsste also einer neuerlichen Verlängerung zustimmen, ansonsten wäre noch immer auch ein Hard Brexit zum 1. November nicht ganz vom Tisch. Süßes oder Saures? Happy Halloween!

 

 

Zu den Märkten

Auf die Gelassenheit der Märkte haben wir ja bereits mehrfach hingewiesen. Sie steht in einem gewissen Gegensatz zur Aufgeregtheit, mit der das Thema in den Medien, insbesondere auch des europäischen Festlands kommentiert wird. Wie an dieser Stelle schon beschrieben (vgl. SIW 41/2019), sollten sich die Unternehmer hüben wie drüben mehr als drei Jahre nach der Brexit-Abstimmung auf einen britischen (Teil-)Rückzug aus der EU einigermaßen vorbereitet haben. Insofern wäre das Verhalten der Marktteilnehmer rationaler als jenes der Journalisten. Besonders augenfällig ist das Kursverhalten des britischen Pfundes gegenüber dem Euro (vgl. Abb.). Nachdem Brexit-Schock vom Juni 2016, der über die nächsten Wochen zu einem regelrechten Abverkauf der britischen Währung führte, ist dort seit Jahren eine Seitwärtsbewegung unter hohen Schwankungen zu beobachten (gelbes Rechteck). Bemerkenswert ist auch die Kursentwicklung seit dem Amtsantritt von Boris Johnson: Zunächst befürchteten die Märkte offenbar das Schlimmste, als das „enfant terrible“ die Amtsgeschäfte übernahm und das Pfund erreichte zügig ein neues Tief. Seither allerdings konnte sich die britische Währung sehr deutlich erholen (grüne Markierung). Möglicherweise erahnen die Märkte, dass Großbritannien bei einer Trennung das bessere Ende für sich haben werde. Immerhin sind die Briten am Freihandel interessiert, während eine dann von Frankreich dominierte EU zunehmend protektionistischer werden dürfte.

 

Wirecards Haarprobe

Im letzten Weekly hatten wir ausführlich über die neuesten Vorwürfe der Financial Times gegen Wirecard berichtet. Auch mehr als eine Woche später hat das Unternehmen die Situation nicht in den Griff bekommen. Ein positives Zeichen ist jedoch die angekündigte unabhängige Prüfung durch KPMG. Das Unternehmen möchte den Prüfern alle Daten offenlegen und damit letzte Zweifel an seinem Zahlenwerk ausräumen. KPMG soll am Ende einen Untersuchungsbericht vorlegen, der zudem veröffentlicht werden soll. Nach einem Plus von knapp 7% am Montag ist die Aktie seit gestern allerdings erneut unter Druck geraten. Was ist also von der neuesten Entwicklung halten? Zunächst einmal bleibt es dabei, es stehen zwei Meinungen gegeneinander. Die Vorwürfe der Financial Times sind heftig. Bereits im Frühjahr hatte sich der Journalist der Zeitung, Dan McCrum, ein Ermittlungsverfahren der Münchener Staatsanwaltschaft eingefangen. Kaum vorstellbar, dass seine Chefs ihn weiter in diese Richtung publizieren lassen, sollte die Story nicht bis ins letzte Detail plausibel sein.

Auf der anderen Seite stehen große Wirtschaftsprüfungskonzerne wie Ernst & Young und demnächst KPMG, die sich einen Skandal dieser Größenordnung ebenfalls kaum erlauben können. Gerade aufgrund der kritischen Ausgangslage dürfte man erwarten, dass beide Unternehmen alles menschenmögliche daran setzen werden, die Vorwürfe ein für alle Mal zu entkräften. Der angekündigte Untersuchungsbericht darf also mit Spannung erwartet werden. Eines ist jedoch klar: Solange dieser noch nicht vorliegt, wird die Aktie volatil und angreifbar bleiben. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Financial Times mit neuen Artikeln zu Wort melden wird. Auch Short-Seller, die in der Aktie aktiv sind könnte neue Reports mit belastendem Material vorlegen. Überraschungen sind nicht völlig auszuschließen. So hätte man beim Fußballtrainer Christoph Daum im Jahr 2000 nicht erwartet, dass dessen selbst initiierte Haarprobe positiv ausfällt. Auch Wirecards „Haarprobe“ könnte also in die eine oder andere Richtung ausfallen.

 

Kapitalschutzreport 2019

Hinter uns liegt der Endspurt für den neuen Smart Investor 11/2019, der zum Wochenende erscheint. Traditionell beschäftigen wir uns in der November-Ausgabe mit dem Kapitalschutzreport und da erwarten wir diesmal „Goldene Zeiten“. Das hat auch mit der neuen EZB-Chefin Lagarde zu tun. Allerdings nicht, weil sie die Eurozone zu neuem Wohlstand führen wird, sondern viel eher, weil das wichtigste Amt in der EU dann maximal politisiert sein wird, und man sich intensiv mit Gold und Edelmetallen auseinandersetzen sollte. Das ist auch noch aus einem anderen Grund ratsam: Denn schon im Januar 2020 soll das „anonyme“ Goldfenster so weit geschlossen werden, dass danach gerade einmal noch ein Spalt offenbleibt. Was Sie jetzt tun sollten und wie Sie sich mit Gold gegen ein immer offener politisches Geld wie den Euro zur Wehr setzen, lesen Sie in Smart Investor 11/2019.

 

Mysterien der Anleihemärkte

Minuszinsen, inverse Zinskurve, Spreads auf Rekordtief und massive Verspannungen am US-Repo-Markt: Die Anleihe- und Kreditmärkte bieten heute einigen Anlass zur Sorge. Im neuen Smart Investor, den Sie am Samstag im Briefkasten finden, haben wir uns intensiv mit diesen Phänomenen beschäftigt. Wir versuchen einzuordnen, welche Aussage die umgedrehte Zinskurve tatsächlich für die Konjunktur hat, stellen die Ideen von Howard Marks zu den grassierenden Negativrenditen am Anleihemarkt vor und beschäftigen uns mit den bereits leicht ansteigenden Ausfallraten im Junk-Bond-Segment. Zudem haben wir uns mit dem Repo-Markt in den USA befasst, der zuletzt massiv unter einer Liquiditätsknappheit zu leiden und riesige Ausschläge bei den Renditen zu verzeichnen hatte. Sehen wir hier eine Wiederholung von 2008? Auch diese Einschätzung finden Sie im neuen Smart Investor.

 

Fazit

So manche Unsicherheit dürfte sich in den nächsten Wochen klären. Bleibt zu hoffen, dass weder Wirecard noch Boris Johnson einen „Bad Hair Day“ haben. Ansonsten: Freuen Sie sich auf den neuen Smart Investor 11/2019.

© Christoph Karl, Ralph Malisch

https://www.smartinvestor.de

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