Spannender als jeder Krimi: Tesla-Chef geht aufs Ganze

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vom Smart Investor

Gelegentlich werden wir von unseren Lesern gefragt, warum wir so „besessen“ von Tesla sind. Seit unserer Titelgeschichte „Crashgefahr für Tesla“ in der Druckausgabe des Smart Investor 8/2017 – also vor ziemlich genau einem Jahr – nehmen wir den Faden tatsächlich immer wieder auf und spinnen ihn weiter. Seit gestern dominiert Tesla sogar wieder einmal die gesamte Börsenberichterstattung. Auch hatten wir unsere Meinung zu diesem Unternehmen phasenweise bereits mit einem sogenannten Short-Turbo-Zertifikat untermauert. Am 18.7., also vor drei Wochen, haben wir den erneuten Erwerb eines solchen Instruments allerdings zurückgestellt, weil sich zum einen die Situation an der NASDAQ wieder aufhellte, vor allem aber, weil die Situation bei Tesla immer unübersichtlicher wurde. Es ist vor allem der schillernde Tesla-Chef Elon Musk, der immer wieder für eine Überraschung gut ist. Dabei gibt er weniger den Unternehmer klassischen Zuschnitts. Nein, seine Rolle – und er ist ein Meister der Selbstinszenierung – ist die des modernen Abenteurers, so eine Mischung aus Howard Hughes, Indiana Jones, Jay Gatsby („Der Große“) und John Galt. Der Haken: Während der Erstgenannte mit verwegenen Ideen und einem ordentlichen Schuss Exzentrik über alle Maßen erfolgreich war, handelt es sich bei dem nachfolgend genannten Trio um reine Romanfiguren. Es scheint, als habe Musk die Comic-Welt seiner Kindertage nie ganz losgelassen. So charmant dieses spielerische Element sein kann, so prognostizierbar ist das Aufeinandertreffen solcher Traumwelten mit der Wirklichkeit. 

Schräge Tweets

Vergleichbar mit US-Präsident Trump ist Twitter auch der von Musk bevorzugte Kommunikationskanal. Wer die Tweets der letzten Tage verfolgt hatte, konnte darin eine zunehmende Obsession im Umgang mit Tesla-Skeptikern erkennen. Nun werden es die wenigsten Unternehmenschefs goutieren, wenn Probleme in epischer Breite und nicht ohne Häme diskutiert oder gar aktiv gegen ein Unternehmen spekuliert wird. Allerdings nimmt auch lange nicht jeder CEO solche Kritik zum Anlass für persönliche Rachefeldzüge gegen seine Kritiker. Der Umgang mit Kritik sagt schon einiges über menschliche Größe oder aber über deren Fehlen aus. Wie auch immer. Die letzten Tesla-Quartalszahlen waren erneut durchwachsen. Allerdings nährte Musk aufgrund verbesserter Margen im zweiten Quartal die Hoffnung auf wesentlich bessere Zahlen in den verbleibenden beiden Quartalen des Jahres 2018. Was heißt nährte? Er versprach nicht mehr und nicht weniger, als dass der Autobauer sowohl in Q3/2018 als auch in Q4/2018 profitabel sein werde. Zwar reagierte die Aktie auf diese Ankündigungen mit einem erneuten Satz nach oben, Kritiker zerpflückten die Ankündigungen jedoch umgehend. Musk konnte nicht widerstehen, die steigenden Kurse am 5. August mit folgendem Tweet zu kommentieren: „Dang, turns out even Hitler was shorting Tesla stock …“ („Verdammt, es stellte sich heraus, dass sogar Hitler Tesla-Aktien geshortet hatte.“). Dazu gab es die berühmte Sequenz aus dem Film „Der Untergang“, die Hitler qua englischer und chinesischer Untertitel als verzweifelten Tesla-Shortseller auswies. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, über Humor schon gar nicht. Von einem Vorstandschef würde man derlei Schabernack aber wohl nicht unbedingt erwarten.

Tesla goes private?

Gestern legte Musk erneut mit Tweets nach, die zunächst zu einer Aussetzung der Aktie und insgesamt zu einem weiteren Tagesgewinn von knapp 11% führten. Mit einem Schlusskurs von 379,56 USD lag die Aktie nur noch rund 2,5% unter ihrem Allzeithoch von 389,61 USD. Ohne Kenntnis der Hintergründe, würde man im Tesla-Chart also vor allem die Wiederaufnahme eines Aufwärtstrends erkennen. Doch eben diese Hintergründe haben es in sich. Musks Tweet lautete: „Am considering taking Tesla private at $420. Funding secured.“ („Erwäge Tesla für 420 USD zu privatisieren. Finanzierung gesichert.“). Gemeint waren natürlich 420 USD/Aktie, auch wenn mancher Kritiker den Gesamtwert des Unternehmens nicht höher ansetzen würde. Mit einem simplen Tweet erhöhte Musk den Börsenwert des Unternehmens um mehr als sechs Mrd. USD! Aber dieser Schuss könnte letztlich nach hinten losgehen. Alleine die Kursreaktion zeigte, dass hier Börsenrelevantes getwittert wurde, ohne sich um irgendwelche Vorschriften zu scheren. Der frühere Vorsitzende des Securities and Exchange Commission (SEC), Harvey Pitt, machte bei CNBC deutlich, dass es sich bei diesem Tweet um Manipulation oder gar Börsenbetrug handeln könnte.

Viele Fragen

Denn noch ist vollkommen unklar, wer hinter der Finanzierung für den maroden Elektroautobauer steht? Bei den üblichen Verdächtigen, also den großen Banken war nichts über eine mögliche Beteiligung zu erfahren. Für eine Transaktion dieser Größenordnung – sollte sie denn real sein – ist es zudem höchst ungewöhnlich, dass sie mal so eben zwischen Tür und Angel per Twitter bekannt gegeben wird; genauer gesagt befand sich Musk im Moment des Tweets hoch in der Luft an Bord seines Privatjets. Auch wer der ominöse Käufer sein soll, ist unbekannt. Der Kreis der Fonds und Unternehmen, die eine 80 Mrd. USD-Übernahme stemmen können, ist naturgemäß klein – besonders, wenn dies aus Eigenkapital erfolgen sollte und dem Unternehmen selbst noch zusätzlich weitere Liquidität zur Verfügung gestellt werden müsste. Aktuell schon beteiligt ist der saudi-arabische Staatfonds, für den die komplette Tesla allerdings ebenfalls ein beachtlicher Happen wäre. Zudem hat Musk angekündigt, dass bisherige Aktionäre wohl beteiligt bleiben könnten, was die Frage aufwirft, warum ein möglicher Übernehmer eine solche Prämie auf den Kurs bezahlen sollte, um sich dann auch künftig mit Kleinaktionären herumzuplagen. Die Grundsatzfrage, ob Musk überhaupt einsam entscheiden kann, das Unternehmen von der Börse zu nehmen, dürfte ohnehin beantwortet sein – und zwar abschlägig: Er kann es nicht. In einer nachgeschobenen Mail an die Mitarbeiter klingt das Ganze dann auch schon deutlich vager. Man kann davon ausgehen, dass die Firmenjuristen in der Zwischenzeit rotierten, um die ärgsten Schnitzer ihres Chefs auszubügeln und die Sache halbwegs gerichtsfest hinzubekommen.

Fast alles ist möglich

Sollte Tesla nicht zeitnah Ross und Reiter des angedeuteten Deals benennen können, dürften Ermittlungen der Börsenaufsicht SEC gegen Tesla/Musk wegen des Verdachts der Kursmanipulation/des Börsenbetrugs unausweichlich sein. Spätestens dann müssten die Tesla-Aufsichtsgremien schon aus wohlverstandenem Selbstschutz reagieren und Musk wohl fallenlassen. Vielleicht ist Musks nächste große Rolle die Opferrolle. Ein solcher Skandal in dessen Folge Tesla Musk verliert, würde jedenfalls den Aktienkurs einbrechen lassen. Denn Elektroautos zu bauen ist keine Fähigkeit, die bei Tesla monopolisiert wäre. Das können inzwischen viele – und etliche davon in wesentlich besserer Qualität. Tesla wäre dann nicht mehr das Pionierunternehmen mit einem veritablen Rockstar als visionärem Chef, sondern ein unterdurchschnittlicher E-Auto-Produzent mit Geldsorgen, sowie Produktions- und Qualitätsproblemen. Warum Musk selbst den Turbo für eine solche Zuspitzung der Tesla-Story gezündet hat, ist rätselhaft. Steht er bereits mit dem Rücken zu Wand? Selbst das Tesla-Board ging heute teilweise(!) gefühlt auf Distanz, als lediglich von einer Evaluierung der Möglichkeiten gesprochen wurde. Eine solche öffentliche Fraktionsbildung ist ein sehr ungewöhnlicher Vorgang. Der Musk-Tweet klang da doch deutlich entschiedener und wurde von den Börsianern auch genau so wahrgenommen. Für die Shorties, die er mit Feuereifer bekämpft, ist allerdings noch kein Aufatmen angezeigt. Denn schon die beiden zurückliegenden Kursschübe seit der Veröffentlichung der Quartalszahlen werden hier tiefe Löcher gerissen haben. Sollten die ersten die Nerven verlieren und eindecken (müssen), könnte die Aktie im Rahmen eines klassischen Short-Squeezes sogar kurzfristig noch über den genannten Preis von 420 USD nach oben getrieben werden. In unserem Musterdepot werden wir uns für diese einzigartige Situation positionieren (siehe dort).

Der Anti-Musk

Mit großer Bestürzung musste nicht nur die Autowelt das völlig überraschende Ableben des früheren FiatChrysler-Chefs Sergio Marchionne zur Kenntnis nehmen. Der Italo-Kanadier war ein Manager mit Weitblick und Substanz, dem der Turnaround des maroden Fiat-Konzerns gelang – ganz ohne sich unablässig in Szene zu setzen. Naturgemäß reagierte die FiatChrysler-Aktie, die sich auch in unserem Musterdepot befindet, zunächst einmal mit Abschlägen. Die bange Frage der Aktionäre lautet, wie viel Marchionne wird künftig noch in dem Unternehmen stecken? Wie gut FiatChrysler die Weichen für die Zukunft gestellt hat, wird übrigens Thema einer großen Analyse im nächsten Smart Investor 9/2018 sein.

Zu den Märkten

Die Tesla-Story ist allerdings auch ein Hinweis, in welchem Zustand sich die Märkte inzwischen befinden. Gut möglich, dass man in ein paar Jahren einmal kopfschüttelnd auf das zurückblicken wird, was sich hier gerade abspielt. Die Musik, oder was davon noch übrig ist, spielt jedenfalls derzeit noch bei den US-Tech-Ikonen. Dagegen kommt der DAX schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr von der Stelle. Wir haben an dieser Stelle ja bereits des Öfteren auf die sich ausprägende mögliche Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation hingewiesen. Innerhalb der rechten Schulter könnte sich nun sogar noch eine weitere sehr kleine solche Formation herausbilden. Das Kursbild ist jedenfalls von Schwäche geprägt, so dass wir darauf in unserem Musterdepot reagieren wollen.

Fazit

Tesla, so viel kann man schon heute sagen, ist die wohl verrückteste Börsengeschichte seit dem Neuen Markt. Im Moment spricht auch einiges dafür, dass sie ähnlich enden wird.

© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

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