Welthandel am Scheideweg

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Prof. Dr. Thorsten Polleit

Die Sorge vor Protektionismus geht um. Sie ist zwar nicht unbegründet. Doch wahrscheinlicher ist, dass ein anderes Szenario obsiegt: Der internationale Standortwettbewerb steigt – und verlängert den Boom, den die Zentralbanken mit extrem niedrigen Zinsen angestoßen haben...

Geht es nach den Pressestimmen, so gerät die „Weltordnung“ unter der Präsidentschaft von Donald J. Trump zusehends aus den Fugen, nimmt die Unsicherheit in wirtschaftlicher, politischer und militärischer Hinsicht zu. Jüngstes Beispiel: Die weltweite Arbeitsteilung, die sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat, scheint auf dem Prüfstand zu stehen: US-Präsident Trump erhebt Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte. Das soll vor allem China treffen, aber auch Japan und Europa. Nicht auszuschließen sind künftig Importzölle auf Autoimporte in die USA – was vor allem Deutschlands Autobauer und ihre Beschäftigten beunruhigt.

US-Präsident Trump ist angetreten, um das wirtschaftliche Wohlergehen der breiten Bevölkerung in Amerika zu verbessern. Für ihn gilt: „America First“ und „Make America great again“. Das wird vielfach als Weg in den Protektionismus, in den „Economic Nationalism“ – also den ökonomischen Nationalismus – gedeutet. Sollte diese Einschätzung richtig sein, wäre in der Tat Gefahr im Verzug: Ein Einschränken der internationalen Arbeitsteilung wäre zweifelsohne mit ökonomischen und politischen Negativeffekten verbunden; gleiches gilt natürlich auch für eine Behinderung des internationalen Kapitalverkehrs (siehe hierzu die Ausführungen in der nachstehenden Box).

 

Box 1: Das Wunder der Arbeitsteilung 

Vermutlich ist es vielen Menschen gar nicht bewusst: Aber die internationale Arbeitsteilung ist eine, wenn nicht die zentrale Ursache ihres materiellen Wohlstandes. Ökonomen erklären das wie folgt: Jeder Mensch ist ein Individuum, hat bestimmte Ziele, Wünsche und Fähigkeiten. Daraus ergibt sich eine „Win-Win“- Situation, wenn die Menschen sich arbeitsteilig organisieren: Jeder erzeugt die Güter, die er am besten herstellen kann. Dadurch steigt die Produktivität: Die Ergiebigkeit der Arbeit nimmt zu. Die Menschen müssen weniger arbeiten, um eine gegebene Gütermenge herzustellen; sie können mit einer gegebenen Arbeitsleistung mehr herstellen, als sie bei isoliertem Wirtschaften erzeugen könnten.

Der britische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) erkannte, dass eine Arbeitsteilung nicht nur sinnvoll ist, wenn ein jeder bei der Herstellung bestimmter Dinge relative Vorteile besitzt (wenn also Herr A die Güter besser erstellt als Herr B). Die Arbeitsteilung ist selbst dann vorteilhaft, wenn einer alle Güter besser (kostengünstiger) herstellen kann als die anderen. Selbst in diesem Fall kommt es zu einer freiwilligen Arbeitsteilung, weil auch der Produktivste von der Arbeitsteilung und Spezialisierung profitiert: Auch er konzentriert sich auf das, was er am besten kann, hat einen Anreiz, mit anderen zu kooperieren, die in jeder Hinsicht weniger produktiv sind als er.

Der Ökonom Ludwig von Mises (1881 – 1973) erkannte die weitergehende Bedeutung von David Ricardos Einsichten: Die Arbeitsteilung, so Mises, knüpft eine enge Bande zwischen Menschen. Ein jeder erkennt, dass die Kooperation mit anderen nützlich ist. Man sieht sich gegenseitig nicht mehr als Konkurrent um knappe Ressourcen, sondern als Kooperationspartner, mit dem es möglich wird, die Knappheit zu überwinden. In einer arbeitsteiligen Welt erblickt man (wissentlich oder unwissentlich) den Mitmenschen als hilfreich zur Verbesserung der eigenen Lebensumstände. Arbeitsteilung ist daher friedensstiftend. Das gilt nicht nur innerhalb einer Volkswirtschaft, sondern auch zwischen Volkswirtschaften. Die internationale Arbeitsteilung und der damit verbundene Freihandel entwickeln eine Verbundenheit zwischen Menschen, die unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Religionen und Traditionen haben.

 

Wer genau hinhört, der erkennt: Der US-Administration geht es darum, „unfaire“ Handelspraktiken, die Negativeffekte auf die US-Wirtschaft haben, zu beenden. Dass beispielsweise Chinas staatsgelenkte Wirtschaft ein Überangebot von Stahl erzeugt, es international anbietet und dadurch Produzenten in vielen Ländern aus dem Markt drängt, ist nicht wegzudiskutieren. Und auch nicht, dass die Europäische Union (EU) protektionistischer ist als man vielleicht glaubt: Sie erhebt beispielsweise Zölle von 10 Prozent auf US-Autoimporte, die USA hingegen nur 2,5 auf EU-Autoimporte. Im Stahlbereich schützt die EU mehr als 40 Produktbereiche durch Strafimportzölle.

Die Trump-Administration weiß um ihre Verhandlungsmacht – und ist bereit, sie für die eigene Sache einzusetzen. Die nachstehende Tabelle zeigt drei denkbare Zukunftsszenarien. In Fall (1.) setzen die USA auf Protektionismus, auf Abschottung. Das wäre das „schlimmste“ Szenario für die USA und den Rest der Welt. Die internationale Arbeitsteilung und der Handel werden geschwächt. Die Produktion verteuert sich. Die Inflation und die Zinsen steigen. Wachstum und Beschäftigung leiden. Auf den Finanzmärkten sorgen sich die Investoren um die Stabilität des Finanzsystems: Nachlassende Wirtschaftsdynamik verschlechtert die Schuldentragfähigkeit vieler Staaten und beschert dem Bankensystem Kreditausfälle. Daraus kann dann leicht eine neue Finanz- und Wirtschaftskrise erwachsen.

Fall 1 käme folglich einer „Selbstschädigung aller“ gleich und ist daher kein wahrscheinliches Szenario. Fall (2.) ist für die USA unmittelbar positiv, für den Rest der Welt hingegen unmittelbar negativ. Durch Importbehinderungen zieht Amerika Kapital aus dem Ausland an: Die Auslandsunternehmen produzieren die Güter, die sie in den USA verkaufen, vor Ort. Verlagern Unternehmen ihre Produktion in die USA, verlieren andere Länder ihre Produktionsbasis. Amerika gewinnt (zumindest kurzfristig), das Ausland hat das Nachsehen.

Fall (3.) ist für alle positiv, aber erst langfristig. Hier würde der Protektionismus der USA alle anderen Handelspartner dazu bringen, ihrerseits Handelsbarrieren abzubauen; sie würden kooperieren. In dem Maße, in dem nachfolgend protektionistische Maßnahmen schwinden, steigt auch der internationale Standortwettbewerb. Der Druck auf andere Regionen – beispielsweise Europa und Länder wie Japan und Südkorea – steigt, ihrerseits die Steuern zu senken und die Bedingungen für die Produktion in den eigenen Grenzen zu verbessern, um ein Abwandern der Unternehmen und Leistungsträger zu verhindern.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind der dominante Spieler. Fall 1 herbeizuführen ist für sie unvorteilhaft. Sie werden zwischen Fall 2 und Fall 3 wählen. Kooperieren andere Länder nicht, träte Fall 2 ein. Doch das ist nicht allzu wahrscheinlich. Allein deswegen nicht, weil die volkswirtschaftlichen Kosten, die viele Länder bei einer Nichtkooperation zu tragen hätten, extrem hoch wären. Fall 3 erscheint daher der wahrscheinlichste zu sein. Wenn Amerika auf den Abbau von „unfairen“ Handelsbedingungen drängt, und die anderen kooperieren, steigt der Anpassungsdruck: Um das Abwandern von Unternehmen in die USA zu verhindern, müssen viele Länder die Wirtschaftsbedingungen in ihren eigenen Grenzen verbessern. Sie müssen Steuern senken, administrative Hindernisse abbauen, die grenzüberschreitende Bewegung von Arbeit und Kapitel fördern. Trumps protektionistische Nadelstiche sorgen so letztlich für einen internationalen Standortwettbewerb und verbessern die Aussichten für Wachstum und Beschäftigung weltweit.

Wer einen „Handelskrieg“ (wie in den 1930er Jahren) an die Wand malt, kann sich zwar der öffentlichen Aufmerksamkeit gewiss sein, er schießt jedoch über das Ziel hinaus. Die USA haben kein grundsätzliches Problem mit der internationalen Arbeitsteilung und dem Handel. Die Trump-Administration scheint nicht per se den Schutz der eigenen Industrie anzustreben, sondern vielmehr die Wertschöpfung im eigenen Land – etwa durch Ansiedlung neuer Produzenten aus dem Ausland – erhöhen zu wollen. Und vermutlich wird ihnen das auch gelingen. Denn es gibt einen großen ökonomischen Anreiz für alle anderen Länder, eine kooperative Lösung finden zu wollen.

 

ANPASSUNGSDRUCK

Was bedeutet das für Deutschland? Deutschland ist eng eingebunden in den internationalen Handel (Abb. 1 a). In 2016 wurden Waren im Wert von 2.130 Mrd. Euro exportiert und für 1.754,5 Mrd. Euro importiert. Der Außenhandelsüberschuss betrug 375,5 Mrd. Euro. Der Leistungsbilanzüberschuss belief sich auf 8,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) (Abb. 1 b). Diese Größenordnungen zeigen unmissverständlich, dass ein Stocken des Welthandels – beispielsweise durch Handelsbarrieren wie Einfuhrkontingente – Produktion und Beschäftigung in Deutschland hart treffen würde.

Deutschland käme unter besonderen Anpassungsdruck. Nehmen wir an, die USA erzwingen mittels Einfuhrbeschränkungen, dass die Güter, die in den USA verkauft werden, auch in den USA produziert werden – das heißt, die Güter sollen nicht mehr importiert, sondern vor Ort produziert werden. In diesem Fall wandern Teile der Produktion aus Deutschland in die USA ab. Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand in Deutschland leiden. Es wäre aus deutscher Sicht das schlechte(ste) Szenario.

Das bessere Szenario wäre ein Erstarken des internationalen Standortwettbewerbs. Die US-Politik sorgt mittels Steuersenkungen und Importzöllen dafür, dass Unternehmen in aller Welt einen Anreiz haben, ihre Produktion in die USA zu verlagern. Das erzeugt Druck auf die anderen Länder, die Bedingungen des Wirtschaftens innerhalb ihrer eigenen Grenzen zu verbessern: Steuern zu senken und administrative Hürden, die dem Wirtschaften entgegenstehen, abzubauen. Denn ansonsten droht ihnen eine Abwanderung der produktiven Kräfte und damit wirtschaftlicher Niedergang.

Für die Länder in der Europäischen Union (EU) führt eine Verschärfung des internationalen Standortwettbewerbs allerdings zu einem besonderen Problem: Denn die EU-Kommission ist es, die (seit Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages am 1. Dezember 2009) für die Handelspolitik der Gemeinschaft zuständig ist: Sie verhandelt, der Rat, das Europäische Parlament und auch die Mitgliedstaaten beschließen. Die neue US-Administration ist jedoch bekanntlich kein Befürworter oder gar Förderer supranationaler Architekturen. Was, wenn sie nicht mit der EU-Kommission, sondern mit den einzelnen EU-Ländern zu verhandeln wünscht?

US-Präsident Trump hat unmissverständlich deutlich gemacht, dass die bisherigen Eckpfeiler der internationalen Handelsordnung – wie die World Trade Organization (WTO) und multilaterale Handelsabkommen wie das North American Free Trade Agreement (NAFTA), das vorgesehene Trans-Pacific Partnership (TPP) sowie das Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) – dem Wohlstand Amerikas nicht dienen, sondern schaden. Was also, wenn die USA beispielsweise nicht mit der EU, sondern nur einzeln mit Ländern verhandeln wollen? Spannungen in der Gemeinschaft sind absehbar. Es könnte die EU aufgrund wachsender Interessenunterschiede zwischen den Teilnehmerländer sogar sprengen.

 

BOX 2: ZUM US-DOLLAR-AUßENWERT

Seit den 1970er Jahren haben die USA ein chronisches Leistungsbilanzdefizit (Abb. 3). Das heißt, sie importieren mehr Güter, als sie exportieren. Anleger aus aller Welt finanzieren das Defizit, indem sie US-Dollar akzeptieren. Das damit verbundene Angebot von US-Dollar auf den Devisenmärkten dürfte einen maßgeblichen Beitrag geleistet haben, warum der Außenwert des Greenbacks in den letzten Jahrzehnten im Trend gefallen ist. Das Bild könnte sich in den kommenden Jahren ändern. Denn belebt sich die Güterproduktion in den USA zu Lasten von Importen (beispielsweise weil Auslandsunternehmen, angelockt durch Steuervorteile, verstärkt in den USA investieren und produzieren), schrumpft das US-Leistungsbilanzdefizit. Das US-Dollar- Angebot nimmt tendenziell ab, und das spräche für einen Aufwertungsdruck auf den Außenwert des US-Dollar. Auf die Rückbildung des US-Defizits seit etwa 2006 hat der US-Dollar bereits mit einer Aufwertung reagiert (die sich allerdings am äußeren Rand nicht fortgesetzt hat).

 

DIE FOLGEN FÜR DEN BOOM

Dass die US-Handelspolitik notwendigerweise in ein problematisches Szenario führt, ist keine ausgemachte Sache. Die protektionistischen Sticheleien der USA könnten letztlich eine positive Wirkung entfalten: Sie sorgen für einen erhöhten Standortwettbewerb, steigern den Anpassungs- und Reformdruck auf die Volkswirtschaften, um konkurrenzfähiger zu werden – beispielsweise durch ein Absenken der Steuern und den Abbau von Regularien. Weltweit wäre dann mit mehr Wachstum und Beschäftigung zu rechnen. Mit anderen Worten: Der „Boom“ ginge weiter, er stünde nicht unmittelbar vor dem Platzen.

Nach wie vor befinden sich die Volkswirtschaften weltweit in einer Aufschwungphase, die die Zentralbanken durch ihre Politik des Niedrigzinses und vor allem auch ihre Kredit- und Geldmengenvermehrung angestossen haben, und die sie bislang in Gang halten. Solange die Volkswirtschaften wachsen, werden die negativen Folgen des Booms – vor allem die Kapitalfehlallokation auf breiter Front – quasi unter den Teppich gekehrt, sind nicht unmittelbar sichtbar. Im Gegenteil: Die Niedrigzinsen und die Geldmengenausweitung blähen die Vermögenspreise auf – beispielsweise die Aktien- und Häuserpreise – und gaukeln damit steigenden Wohlstand vor (Abb. 4 a).

Zudem sind in einem Wachstumsumfeld die Kreditgeber bereit, neue Kredite zu vergeben. Weltweit steigt daher auch die Verschuldung weiter an (Abb. 4 b). Mittlerweile liegen die Schuldenstände über dem Niveau, das vor dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise zu beobachten war. Doch ein Boom dauert nun einmal nicht ewig. Er kippt früher oder später in einen Bust um. Der von den Amerikanern angestossene Veränderungsdruck auf die bestehende internationalen Arbeitsteilung und den Welthandel haben – wenn die Länder nicht miteinander kooperieren – sicherlich das Potential, einen Bust herbeizuführen.

Die USA sind der dominante Spieler, wenn es um die Neuformierung der internationalen Arbeitsteilung geht. Sorgt ihre Handelspolitik für verstärkten Standortbewettbewerb, unterstützt das letztlich die Wachstumskräfte weltweit. Es würde auch bedeuten, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass der aktuelle Boom zunächst weitergehen kann. Gibt es jedoch kein kooperatives Zusammenspiel der Länder, leidet die internationale Arbeitsteilung und damit Wachstum und Beschäftigung. Das würde dem Boom den Boden entziehen. Wie problematisch eine neuerliche Finanz- und Wirtschaftskrise wäre, braucht an dieser Stelle nicht betont zu werden. Die Wahrscheinlichkeit eines positiven Szenarios überwiegt, aber das Risiko eines negativen Szenarios ist nicht zu übersehen.

 

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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