Blick in die "Zinssterne": Die hohe Kunst der Fed-Astrologie

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Smart Investor Weekly (SIW)vom 19.12.2018

Zinsentscheidungen der US-Notenbank sind schon immer ein mediales Spektakel gewesen. Schließlich hat fast jeder Marktteilnehmer eine Meinung, warum es gute Gründe für oder gegen eine Zinserhöhung oder -senkung gibt. Heute ist es nun wieder soweit, dass sich Fed-Chef Jerome Powell und das Federal Open Market Committee zusammensetzen, um über geldpolitische Maßnahmen zu beraten. Nach Meinung der Experten ist jedoch schon klar, was dabei herauskommt: Die US-Notenbank wird einen weiteren Zinsschritt machen und die Leitzinsen um 0,25% auf dann 2,25% bis 2,50% erhöhen. Nicht nur jede Menge Fed-Astrologen halten dies für das wahrscheinlichste Szenario, auch die Fed-Fund-Futures, also die Terminkontrakte auf die Leitzinsen, preisen aktuell eine Wahrscheinlichkeit von 71,5% ein. In den Zeiten von Donald Trump lohnt sich daneben jedoch auch der Blick auf Twitter: Dort hatte sich der US-Präsident in den letzten Tagen und Wochen mehrmals zur Geldpolitik geäußert, die Fed als „irre“ bezeichnet und sie vor einem „erneuten Fehler“ gewarnt. Für Trump ist klar, dass die US-Volkswirtschaft bei weitem nicht auf so starken Beinen steht, wie die Zentralbanker glauben. Damit befindet sich die Fed in einer Zwickmühle. Gibt sie Trump nach, gilt sie als willfähriger Befehlsempfänger der Politik, bleibt sie auf Kurs, droht sie die Konjunktur abzuwürgen und den Konflikt mit dem Präsidenten endgültig zu eskalieren. Doch damit nicht genug: Diverse – teilweise widersprüchliche – Aussagen verschiedener Fed-Offizieller lassen jede Menge Interpretationsspielraum zu. So glaubt der Chef des Fed von St. Louis, James Bullard, dass die „neutrale Zone“ bereits überschritten sei und die hohen Zinsen die Wirtschaft hemmen. Zumindest eine kleine Chance auf eine Überraschung besteht heute also durchaus – auch wenn jedwede seriöse Prognose angesichts der Gemengelage zum Scheitern verurteilt ist.

 

Jerome Powells Depot

Statt mit einzelnen Zinsentscheidungen beschäftigen wir uns in der Titelgeschichte des neuen Smart Investor 1/2019, der zum Wochenende erscheint, mit dem mittelfristigen Kapitalmarktausblick. Doch auch dabei spielen natürlich die Zentralbanken und ihre Geldpolitik eine gewichtige Rolle. Statt lediglich auf die Einschätzungen diverser Kapitalmarktexperten zurückzugreifen blicken wir auch auf die Positionierung verschiedener bekannter Investoren, wie etwa Warren Buffett oder Ray Dalio. Eine Analogie zur Denke von Nassim Nicholas Taleb, dessen Credo darin besteht, nicht zu glauben, was vermeintliche Experten sagen, sondern darauf zu achten, was Leute mit ihrem eigenen Geld tun. Zwar ist Jerome Powell kein Investor. Wo der Fed-Chef sein Erspartes angelegt hat, kann jedoch durchaus als Aussage gewertet werden, wie er über die Märkte denkt. Bereits zu seinem Amtsantritt haben wir daher darauf hingewiesen (hier der Link zu unserer Grafik der Woche), dass Powell nicht nur der vermögendste Notenbank-Chef in der Geschichte ist, sondern auch eine interessante Anlagestrategie verfolgt. Laut Berechnungen von Bloomberg dürfte er fast die Hälfte seines Vermögens in den Vanguard Total Stock Market ETF investiert haben, rund 60 Mio. USD. Dabei handelt es sich um einen der größten Indexfonds der Welt, der den breiten US-Aktienmarkt abdeckt. Klar handelt es sich dabei um eine passive Strategie. Für einen Notenbank-Chef aber geradezu ideal, da er sich nicht durch einzelne Aktienpositionen parteiisch und dabei angreifbar macht. Powells Vorgängerin Janet Yellen hatte dagegen ihr deutlich kleineres Vermögen überwiegend in Festverzinslichem angelegt. Powell unterlegt sein jüngstes Zitat, dass er keine Exzesse an den US-Börsen erkennen könne, also auch mit privatem Geld.

 

Staatsknete für alle!

Ein Gespenst geistert durch die westliche Welt: Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) oder wie es in den angelsächsischen Ländern heißt: Universal Basic Income (UBI). Die Idee, dass ausnahmslos jeder Geld vom Staat erhalten soll, klingt auf den ersten Blick nach einer vollkommen absurden Rechte Tasche/Linke Tasche-Operation. Warum das Thema dennoch an Momentum und öffentlicher Wahrnehmung gewann, liegt vor allem an Prognosen, wonach uns aufgrund von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz in absehbarer Zeit die Arbeit auszugehen droht. Dass es trotz solcher Prognosen oft die gleichen Personen aus Politik und Wirtschaft sind, die sich geradezu gnadenlos für den massenhaften Import von „Fachkräften“ einsetzen, muss man nicht unbedingt verstehen. Zumindest erschien uns eine eingehendere Beschäftigung mit dem Thema BGE so lohnenswert, dass wir uns nicht alleine auf unsere „österreichischen Abwehrreflexe“ verlassen wollten und Sie, liebe Leser, vor einigen Monaten um Ihre Meinung gebeten haben. Der Rücklauf war überwältigend und sehr differenziert. Genauer gesagt erhielten wir derart viele Antworten, dass wir die wesentlichen Argumente zusammenfassen mussten, um den Rahmen der ohnehin umfangreichen Ausarbeitung nicht vollkommen zu sprengen. Auch an dieser Stelle noch einmal unseren herzlichen Dank für Ihr Engagement. Im neuen Smart Investor 1/2019 finden Sie unsere kritische Würdigung des BGE-Konzepts ab S. 20.

 

Modernes Märchen

In dieser Ausgabe haben wir uns eines weiteren Themas angenommen, das immer wieder vollkommen unreflektiert aus Politikermund zu hören ist: „Deutschland ist ein reiches Land“, heißt es immer dann, wann der Geldbeutel für dies, das oder jenes gezückt werden soll. Wer wäre kompetenter dieses Mantra zu hinterfragen als der Ökonom Dr. Daniel Stelter, der gerade ein faktenreiches Buch unter dem Titel „Das Märchen vom reichen Land“ veröffentlicht hat. Dort arbeitet er nicht nur heraus, wie wenig an diesem Märchen tatsächlich dran ist, er zeigt auch auf, wie der noch vorhandene Reichtum durch eine untaugliche Politik weiter geschmälert wird. Das Gespräch mit Herrn Dr. Stelter finden Sie im Smart Investor 1/2019 ab. S. 58, neben vielen weiteren interessanten Themen und Analysen. Reichlich Lesestoff für die Feiertage.

  

Zu den Märkten

Das Aktienjahr 2018 war für die Anleger per Saldo unerfreulich. Besonders in der zweiten Jahreshälfte ging es weltweit deutlich bergab. Davon waren zuletzt auch die lange favorisierten US-Märkte betroffen. Bei den deutschen Aktien lief das Jahr dagegen von Anfang an nicht rund. Nach dem Abschluss einer sich über mehrere Monate entwickelnden Top-Bildung brachen die Kurse stufenweise und deutlich ein (vgl. Abb.). Nicht einmal die Hoffnung auf eine Jahresendrally konnte den Kursen bislang Unterstützung geben. Dass diese Saisonfigur doch noch greift, wird mit jedem weiteren Tag unwahrscheinlicher. Allerdings wird der Markt mit jedem weiteren Tag der Schwäche auch „anfälliger“ für eine technische Aufwärtsreaktion. In solchen Short-Covering- oder Bärenmarkt-Rallys sind jene Baissespekulanten die treibende Kraft, die ihre Short-Positionen schließen, um die bis dahin aufgelaufenen Gewinne zu sichern. Sobald viele gleichzeitig durch dieselbe Tür wollen, können die Kurse dann auch schon einmal heftig nach oben springen. Das wäre jedoch kein Trendwechsel, sondern eine rein technische Reaktion. Ebenso wenig wäre es übrigens ein Trendwechsel, wenn im dünnen Geschäft zwischen den Jahren die Kurse auf wundersame Weise ansteigen sollten. Diese Form der Kurspflege konnte man schon in vielen Jahren beobachten, ohne dass sie in irgendeiner Weise eine Indikation für das folgende Jahr gewesen wäre. Es sind die ersten Handelstage des neuen Jahres, die Klarheit über die Stimmungslage, sowie die Investitions- und Abgabebereitschaft der Anleger geben werden. Aber auch da können wir kaum Hoffnung auf Besserung machen. Das wahrscheinlichste Szenario aus aktueller Sicht ist die Wiederaufnahme des Abwärtstrends nach dem eine mögliche technische Aufwärtsreaktion abgeschlossen ist.

 

Fazit

Mit der heutigen Entscheidung verabschiedet sich die amerikanische Fed in die Weihnachtsferien. Und wir tun es ihr gleich. Der nächste SIW erscheint dann erst wieder am 9. Januar 2019. Bis dahin wünschen wir Ihnen ein Frohes Fest und einen guten Rutsch. Und sollten Sie noch ein sinnvolles Weihnachtsgeschenk suchen, dann empfehlen wir Ihnen das Smart Investor Weihnachtsabo. Damit machen Sie jemanden nicht nur zwölfmal im Jahr eine Freude, Sie erhalten dazu auch noch zwei wertvolle Gutscheine.

© Ralph Malisch, Christoph Karl

https://www.smartinvestor.de

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