Der Preis des Ruhms - Déjà-Vu beim Bitcoin

Tags: SIW 14/2019 SMART INVESTOR WEEKLY (SIW) Ralf Flierl Ralph Malisch Christoph Karl Der Preis des Ruhms

vom Smart Investor

Die „älteren“ Bitcoin-Enthusiasten werden sich noch an die letzte große Blase der Crypto Assets erinnern. Damals – wir sprechen vom Dezember 2017 – wurde der Bitcoin zu Spitzenpreisen jenseits von 19.000 USD gehandelt. Dann ging es in mehreren Schüben steil bergab, eine Bewegung die bei gut 3.000 USD ihren vorläufigen Boden gefunden hatte – ein Verlust von knapp 84%. Allerdings war der Bitcoin seinerzeit alleine in den rund fünf Wochen vor diesem Gipfel... um satte 240% angestiegen. Lassen Sie sich nicht täuschen: Was aussieht wie eine Blase, ist meist auch eine Blase. Im Unterschied zu traditionellen Assetklassen haben sich die Kryptos bislang allerdings von jeder geplatzten Blase wieder relativ rasch erholt, um in der Folge eine noch viel größere Blase auszubilden. Solange die Kurse steigen, wird dabei üblicherweise die Zukunft des Themas in rosigsten Farben gemalt: Crypto Assets sind demnach nicht nur das Geld der Zukunft, sondern die Zukunft schlechthin. Geht es nach dem Platzen der so aufgepumpten Blase dann wieder kräftig nach unten, ist der Katzenjammer groß und die Stimmen mehren sich, dass der Bitcoin letztlich doch nur ein praxisuntaugliches Muster ohne Wert sei. Für gewöhnlich kaufen oben die Kleinanleger, die nach den vorangegangenen mühelosen Kursgewinnen ebenfalls den Traum vom großen Reichtum träumen. Unten halten dann wieder die Profis die Hand auf, um diesen Traum für sich selbst zu realisieren.

 

Meinung und Markttechnik

In Ermangelung fundamentaler Analyseinstrumente, die ernsthaft auf den Bitcoin anwendbar wären, sind Meinungen und die Marktentwicklung selbst die großen Treiber der teils erratischen Kursbildung. Bei normalen Kursbewegungen reichen die Kommentatoren in aller Regel aus dem Fundus der verfügbaren Nachrichten eine mehr oder weniger passende Erklärung nach. Tatsächlich sind das meist reine Vermutungen, denn naturgemäß lässt sich auf die Ferne nicht in die Köpfe von Käufern und Verkäufern blicken, um deren Motive zu ergründen. Dennoch verlangen die Anleger nach solchen Erklärungen, vermutlich, um zusätzliche Sicherheit darüber zu gewinnen, ob eine Bewegung gerechtfertigt ist. Sie merken schon, dass die Katze an dieser Stelle langsam beginnt, sich in den Schwanz zu beißen …

 

Im Bitcoin verewigt

Bei der gestrigen Kursbewegung lag der Fall allerdings ein wenig anders. In der Spitze schoss der Bitcoin mehr als 20% innerhalb nur eines Tages nach oben, und hinter solch außergewöhnlichen Bewegungen steckt in aller Regel schon eine konkrete Ursache. Der zunächst vermutete, leicht verspätete Aprilscherz dürfte wohl ausscheiden. Allerdings wurde kolportiert, dass praktisch zeitgleich über mehrere Börsen große Kaufaufträge eintrafen, die nur zu deutlich höheren Kursen abgearbeitet werden konnten. Das Volumen der ganzen Transaktion lag bei rund 100 Mio. USD. Ein ziemlich saftiger Preis, falls es nur darum gegangen wäre, sich einmal im Chart zu verewigen und auf diese Weise selbst ein bisschen Bitcoin-Geschichte zu schreiben.

 

Initialzündung oder Strohfeuer

Vielleicht wird andersherum ein Schuh aus der Geschichte: Während der Bitcoin in der allgemeinen Wahrnehmung bis gestern als ein einigermaßen totes Pferd galt, das bei den Anlegern langsam in Vergessenheit geriet, machten wir im aktuellen Smart Investor 4/2019 auf S. 38 darauf aufmerksam, dass der Markt charttechnisch vor einer Wiederentdeckung stehen könnte (vgl. Abb.). Das Potenzial aus reifem Abwärtstrend und Bodenbildung haben sicher nicht nur wir gesehen. Was fehlte, war aber die Initialzündung, um einen neuen Boom anzufachen. Massive Kauforders, die keineswegs interessewahrend, sondern im Gegenteil geradezu aufmerksamkeitsheischend an den Markt gegeben werden, sind durchaus geeignet, als eine solche Initialzündung zu fungieren. Und die war nach dem dramatischsten Kursrückgang in der noch kurzen Geschichte des Bitcoin dringend nötig. Denn spätestens mit dem 2017er Boom hatte der Bitcoin seine Unschuld verloren. Seitdem waren große Interessen mit großem Geld engagiert. Und weil der Bitcoin im Wesentlichen von Markttechnik und Meinung getrieben wird, mag die Versuchung schon nahegelegen haben, die Korrrekturphase mit einem echten Statement zu beenden. Vor diesem Hintergrund sind 100 Mio. USD – wir sprachen von großen Adressen – dann auch wiederum vergleichsweise kleines Geld. Wer der oder die große(n) Unbekannte(n) war(en), wird womöglich Bitcoin-typisch aber nie in Erfahrung zu bringen sein – Satoshi Nakamoto lässt grüßen.

 

Des Rätsels Lösung

Wer ist die große Unbekannte? Diese Frage stellte sich nach dem letzten Weely so mancher Leser. Zu verlockend klangen die Daten zu diesem Unternehmen. Ein tiefes einstelliges KGV für einen Wachstumstitel, hohe freie Cashflows bei gleichzeitig enormer Substanz – wo soll es so etwas geben? Die Antwort haben unsere Abonnenten bereits am Samstag mit einer ausführlichen dreiseitigen Analyse in ihrem Briefkasten gehabt: Gazprom, gefürchtet und bewundert, in westlichen Medien zuletzt aber vor allem eines – nicht existent. Warum wir uns dennoch mit diesem Unternehmen beschäftigt haben? Weil es sich an der Börse lohnt, antizyklisch zu agieren und die Chancen da zu suchen, wo andere sie ganz offensichtlich übersehen. Entgegen der Intuition spricht nämlich einiges für und nur relativ wenig gegen ein Investment in den russischen Gas-Multi. Gazprom hat sich in den letzten Jahren auf einen Modernisierungskurs begeben, der aus dem trägen Staatskonzern ein schlagkräftiges Energieunternehmen gemacht hat. Investments von knapp 100 Mrd. USD wurden getätigt um die Pipeline-Infrastruktur auf den neuesten Stand zu bringen und neue Regionen zu erschließen, z.B. in Asien. Gleichzeitig ist Erdgas auch in Europa ein Wachstumsmarkt. Gazprom dürfte seinen dortigen Marktanteil nicht nur halten, sondern in den nächsten Jahren signifikant ausbauen.

 

Versüßte Wartezeit

Die investitionsintensive Phase geht 2019 gleichzeitig zu Ende, sodass die Dividende sich nach und nach erhöhen dürfte. Bereits zum heutigen Kurs bringt es der Titel auf knapp 7% Dividendenrendite. Und dies trotz einer Ausschüttungsquote von lediglich knapp 20%. Was nur aufgrund einer Ausnahmeregelung möglich ist. Denn an sich sollen halbstaatliche Unternehmen in Russland 50% ihrer Erträge an die Aktionäre zurückgeben. Sollte es in den nächsten Jahren in Richtung dieser Marke gehen, sind Dividenden von weit über 10% auf den heutigen Kurs drin. Sollte sich die jahrelange Seitwärtsbewegung fortsetzen, dürften Anleger alleine dadurch eine attraktive Rendite einfahren. Der Clou des Investments sind jedoch die Reserven, die in Gazprom stecken. So ist alleine die Hälfte des heutigen Börsenwertes durch die Aktien an zwei börsennotierten Tochtergesellschaften gedeckt. Die größten Gasreserven der Welt – mehr als die kombinierten Reserven sämtlicher großen westlichen Ölkonzerne zusammen – gibt es praktisch geschenkt. Lesen Sie im aktuellen Smart Investor eine detaillierte Sum-of-the-Parts-Bewertung aller Assets. Mit einem erstaunlichen Ergebnis!

 

Zu den Märkten

Der DAX konnte sich nach dem in der Vorwoche (SIW 13/2019) beschriebenen kraftvollen Ausbruch aus dem aufwärts gerichteten Keil wieder stabilisieren und sogar die untere Begrenzungslinie dieses Keils zurückerobern. Angesichts der negativen Steilvorlage ist diese Stärke verblüffend. Alleine zwei deutliche Aufwärts-Gaps (vgl. Abb., kleine grüne Markierungen) waren in den letzten Tagen zu beobachten (heute und am Montag). Zumindest heute spielten offenbar Hinweise auf Fortschritte bei den amerikanisch-chinesischen Handelsgesprächen eine Rolle, dazu kamen die guten US-Vorgaben des Vortages. Andererseits haben wir über die Zuschreibung von Ursachen zu Kursbewegungen bereits eingangs gesprochen. Lange Rede, kurzer Sinn: Im Moment befindet sich der deutsche Leitindex wieder in der oft beschriebenen Widerstandszone von 11.800 bis 12.000 Punkten. Sollte der DAX den oberen Rand dieser Zone nachhaltig überwinden, würden sich die Aussichten für deutsche Aktien aus technischer Sicht aufhellen. Soweit ist es allerdings im Moment noch nicht.

 

Fazit

Schlagartig kam in den Bitcoin gestern wieder Musik. Das war ein bisschen mit Ansage. Ob es dem ominösen Käufer allerdings gelungen ist, einen neuen Boom zu entfachen, oder ob es bei einem Strohfeuer bleibt, wird sich erst in den nächsten Tagen erweisen.

© Christoph Karl, Ralph Malisch

https://www.smartinvestor.de

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