Die Geister, die ich rief...

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von Ronald Gehrt

es ist eine bewährte Strategie der Politik: Wenn man Bürger haben will, die einem nicht dauernd zwischen den Beinen herumlaufen und womöglich dorthin blicken, wohin sie nicht blicken sollen, bietet es sich an, irgendwo außerhalb der Landesgrenzen einen „Bösen“ zu haben, der die Aufmerksamkeit des Wahl- und Zahlvolks auf sich zieht. Und ob Europa oder die USA, während die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, das soziale Gefüge auf dem letzten Loch pfeift und das Wachstum wackelt, gelingt es mit der Kombination aus dem hervorheben externer Buhmänner und der Förderung der Egozentrik und Gleichgültigkeit der Masse hervorragend, genau davon abzulenken.

Das soll nun nicht heißen, dass Russlands Präsident Putin in Wahrheit in die Gruppe der Gutmenschen einzuordnen wäre, keineswegs. Aber nichtsdestotrotz kommt er den Politikern eigentlich gerade recht. Und man hat sehr den Verdacht, dass das Schicksal der Menschen in der Ukraine der politischen Führung des Westens weit weniger am Herzen liegt als eine hervorragende Gelegenheit, nicht nur mit den Fingern auf diesen Buhmann zu zeigen, sondern bei der Gelegenheit auch gleich noch ein Umfeld allgemeiner Zufriedenheit in wirtschaftlicher Hinsicht zu erzeugen. Dachte man sich wohl zumindest.

Dass Goethe auch in den Bücherregalen der Entscheidungsträger zumeist verstaubt, deuten die Ereignisse der vergangenen Wochen an. Das Zitat aus dem Zauberlehrling "Die Geister, die ich rief, wird‘ ich nun nicht mehr los" hat, was die Versuche, mit ungeschickten Wurstfingern in die Abläufe der Börsen und der Wirtschaft einzugreifen, eigentlich Tradition. Dass man sich alle Mühe gibt, aus den jeweiligen Katastrophen nichts zu lernen, auch. Die Sache mit der Subprime-Krise und die gelassene Untätigkeit angesichts des weltweit schrumpfenden Wachstums, das doch bitte sehr die Notenbanken in den Griff kriegen sollen, sind beste Beispiele. Und jetzt spielen die Wurstfinger mit Russland, dem Rubel und Rohöl herum.

Nun könnte man behaupten, dass die Börse durch die Politik in keiner Weise beeinflusst wird. Man könnte ebenfalls behaupten, dass die Fotos von der Mondlandung in Wanne-Eickel aufgenommen wurden oder der Mount Everest von Außerirdischen als Landemarke gebaut wurde. Die enge Verbindung zwischen Politik und den Giganten der Finanzindustrie ist insbesondere in den USA weder ein Geheimnis noch neu. Und nur dort, bei den Giganten im Börsengeschäft, ist man imstande, extreme Kursimpulse loszutreten. Und natürlich wird das im Interesse des eigenen Reibachs auch immer wieder getan. Denn solange alles und jeder dann auf den fahrenden Zug aufspringt und denjenigen, die mit der monetären Brechstange an neuralgischen Punkten Impulse schaffen, eine goldene Nase beschert (weil sie dann ihre Positionen mit großem Gewinn an die Trittbrettfahrer abgeben und sich damit auch noch jeden Risikos entledigen), gäbe es für diese besonders großen unter den großen Adressen keinen Grund, mit derartigen Faxen aufzuhören. Das Dumme ist nur:

Je mehr große und kleine Investoren willenlos solchen Bewegungen hinterher laufen, desto schwieriger und gegebenenfalls kostenintensiver wird es, den Geist wieder zurück in die Flasche zu bekommen. Manchmal gelingt es, mit den Märkten Haschmich zu spielen, wie beispielsweise, als die Aktienmärkte vor zwei Wochen plötzlich aus scheinbar heiterem Himmel immer schneller in die Knie gingen, um dann zur vergangenen Wochenmitte aus dem Nichts wie eine Rakete wieder zu steigen und pünktlich zum Verfalltermin wieder auf dem für die großen Spieler an den Terminbörsen perfekten Niveau im Bereich der bisherigen Allzeithochs zu notieren. Manchmal geht es aber auch daneben. Oder doch nicht?

Der Grund für die plötzlich fallenden Kurse war angeblich, dass der fallende Ölpreise zeigen würde, dass das Wachstum der Weltwirtschaft kollabiert, denn wenn die Nachfrage so einbricht, dass sich der Ölpreis nunmehr seit dem Sommer halbiert, dann muss ja etwas ganz Schreckliches im Gange sein. Darüber hinaus schien man pünktlich zum Beginn der vorvergangenen Woche zu bemerken, dass dieser Einbruch des Ölpreises einen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft und damit auch des Rubels verursacht, der wiederum deutliche Auswirkungen auf Europa haben würde, zumal die dadurch ausgelöste extreme Inflation zu einer politischen Instabilität und damit einer unkontrollierbaren Gefahr führen kann. Sieh an.

Wenn man sich den nachfolgenden Kursverlauf von Rohöl brennt ansieht, stellt man fest, dass der Kursrutsch von 120 auf etwa 70 US-Dollar niemanden gestört hat. Allgemein wurde bejubelt, wie positiv sich das doch auf die Unternehmensgewinne und den Konsum auswirken würde. Und jetzt auf einmal, als die Marke von 70 Dollar unterschritten wurde, soll das alles ganz schrecklich sein? Russland braucht im Schnitt 100 US-Dollar pro Barrel, um profitabel zu produzieren. Das hätte man alles also schon viel früher merken können. Der russische Aktienmarkt begann seinen freien Fall bereits Ende November, während DAX und Dow Jones noch bis Anfang Dezember fröhlich von einem Allzeithoch zum nächsten stiegen. Der Rubel zerfiel ebenfalls schon seit Ende November sehr deutlich. Niemand störte sich daran. Warum nicht?

Weil das alles perfekt genauso lief, wie es seitens der großen Spieler an den Finanzmärkten und der Politik laufen sollte. Auf diese Weise setzte man Russland über die Börse unter Druck, ohne mit komplizierten und letzten Endes wirkungsarmen Sanktionen herumhantieren zu müssen. In Russland war man sich dessen bewusst, in den USA und Europa einfach nur zufrieden, weil die Energiekosten immer weiter fielen. Die wenigen, die durch den Abstieg der russischen Wirtschaft direkt betroffen waren, fielen nicht ins Gewicht, das politische und wirtschaftliche Ziel stand ungefährdet den Vordergrund. Bis der böse Besen, den die Zauberlehrlinge da ins Laufen gebracht haben, sich nicht mehr kontrollieren ließ. Sehen Sie sich mal die beiden nachstehenden Charts des Euro zum russischen Rubel und darunter den des in Wien in Euro gehandelten RDX-Index an, der das unmittelbare Abbild des Moskauer RTX-Index ist:

In dem Augenblick, als es zum Crash bei Rubel und RDX kam und der Ölpreis immer weiter abrutschte, wurde den Spielern klar, dass ihnen das Ganze außer Kontrolle gerät. Die Frage, ob der Anfang vorvergangener Woche plötzlich auftauchende Verkaufsdruck an den Aktienmärkten ein Spielchen mit Blick auf den großen Verfalltermin am Freitag war ... oder ob er unbeabsichtigt war, weil das Ganze größere Gewinnmitnahmen anderer institutioneller Investoren mit Blick auf die Entwicklung in Russland auslöste, ist nicht zu beantworten. Deutlich wurde jedoch: Mit dem Crash in Russland begannen auch die Aktienmärkte in Europa und den USA in einer Größenordnung abzurutschen, wie das weder für das Abrechnungsniveau der Derivate am Verfalltermin am Freitag noch für die Wirtschaft insbesondere in Europa gut sein konnte.

Also musste man mit der Brechstange versuchen zu verhindern, dass nun alles aus dem Ruder gerät. Wie von Geisterhand drehten die Aktienmärkte in Europa am Dienstag nach oben, als die Euro/Rubel-Relation am zweiten Tag eines extremen Anstiegs (sprich man musste immer mehr Rubel für einen Euro bezahlen) plötzlich von den Hochs wieder zurückkam. Einen Tag später, am Mittwoch, kam es plötzlich zu einer blitzartigen Umkehr beim RDX. Der Index, der am Montag und Dienstag insgesamt rund 20 Prozent eingebrochen war und damit den vorherigen Abstieg noch ins Extreme steigerte, machte auf dem Absatz kehrt und haussierte alleine am Mittwoch um 15 Prozent. Der Rubel stieg von einem Tief bei fast 100 Rubel pro Euro bis zum Freitagabend wieder auf etwas über 70. Zufall?

Glauben Sie, dass der rapide Verfall des russischen Rubel und des russischen Aktienmarkts, ausgelöst durch einen immer intensiver laufenden Abstieg des Ölpreises, der dadurch aus politischer Sicht zum einen die Funktion eines Druckmittels gegen Russland erfüllte und zum anderen Opium fürs tankende Volk ist, Zufall ist? Glauben Sie, dass die blitzartige Kehrtwende dieses Kurseinbruchs nur zufällig genau parallel zu diesem extremen Richtungswechsel insbesondere an der Wall Street ablief? Tatsächlich? Na dann ...

Für all diejenigen, die nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht an einen Zufall glauben, stehen allerdings einige Fragen im Raum. Und die sind nicht zu unterschätzen:

Wird es auch wirklich gelingen, den Geist wieder in die Flasche zu bringen? Man jubelte zwar in den Medien bereits am Mittwoch und Donnerstag über eine solide Gegenreaktion bei Rohöl und einen möglichen Boden. Aber in Wirklichkeit wurden beide Rallye-Versuche wieder abverkauft. Erst am Freitag gelang es, einen größeres Plus ins Handelsende zu retten. Aber das könnte ausschließlich auf kurzfristigen Eindeckungen vor dem Wochenende beruhen und ist trotz des prozentual durchaus beeindruckenden Anstiegs von fast vier Prozent charttechnisch irrelevant. Noch ist der Abwärtssog des Ölpreises nicht gebannt.

Was war gezielt, was war aus der Not geboren? Das ist eine für die Perspektiven der kommenden Wochen wichtige Frage. Was wollten die großen Spieler an den Terminbörsen? Kam der Kursrutsch vor zwei Wochen für sie überraschend oder haben sie ihn gezielt ausgelöst?

Wenn Letzteres der Fall war, war dann auch die Intensivierung des Abstiegs von Rubel, RDX und Rohöl einkalkuliert?

Wenn ja, musste man gegensteuern, weil seitens der Politik darauf hingewiesen wurde, dass ein Punkt erreicht ist, an dem die beabsichtigten Konsequenzen für Russland zu einem Bumerang insbesondere für Europa werden?

Diese Fragen sollte man sich als Marktteilnehmer stellen, denn würde man eine Antwort darauf finden, könne man erkennen, ob die Marktmacht dieser besonders großen Adressen insbesondere an der Terminbörse wirklich unbegrenzt ist oder nicht. Aber eines passt nicht zusammen:

Angenommen, dieser überraschende Abwärtsimpuls der Aktienmärkte zwei Wochen vor dem großen Verfalltermin wäre genauso gezielt losgetreten worden wie die plötzliche Gegenbewegung kurz vor der Abrechnung selbst. Diejenigen, die dort die Impulse gestartet haben, hätten trotz gewaltigen Kapitalaufwands einen unglaublichen Gewinn eingefahren. Erstens, weil die kurzfristigen Trader und die überrumpelten anderen großen Terminmarkt-Spieler willfährige Erfüllungsgehilfen gewesen wären. Zweitens, weil sie als einzige wussten, dass es völlig unnötig wäre, die komplexen, am Freitag zur Abrechnung anstehenden Derivate-Positionen auf ein tieferes Kursniveau anzupassen, indem man mit immensen Kapitalaufwand Short-Absicherungen aufbaut. Man hätte selbst einen unfassbaren Gewinn erzielt und die Konkurrenz kräftig beschädigt. Aber:

Die parallel laufenden, plötzlich so extrem intensivierten Bewegungen bei Rubel und RDX passen nicht dazu. Diese Ereignisse dienten zwar medial als perfektes Argument für plötzlich fallende Kurse, aber die Kursbewegungen wirkten nicht, als hätte sie irgendjemand wirklich noch unter Kontrolle. Es kann also durchaus sein, dass die Zauberlehrlinge zwar diese Verschärfung der Lage ursprünglich ebenso wie die fallenden Aktienmärkte in Europa und den USA so gewollt haben, dann aber zurückrudern mussten und selbst diejenigen waren, die nun plötzlich das von ihnen sicher geglaubte, bei gezielt angestrebte niedrigere Abrechnungsniveau am Verfalltermin durch die plötzliche Wende am Dienstag außer Reichweite gelangen sahen. Dann wären sie es gewesen, die durch massive Anpassungen ihrer Positionen nach oben durch das Eingehen entsprechend großer Long-Positionen diesen Kursanstieg noch befeuert hätten. Und dann wäre es deren Spielchen gewesen, was daneben ging.

Wiederum andererseits: Dass insbesondere der für die Terminmärkte wichtigste US-Index, der Standard & Poor‘s 500, dadurch pünktlich am Morgen des Verfalltermins im Future das bisherige Allzeithochs erreichte, ist so verdächtig, dass man an einen „unglücklichen Zufall“ bei dieser Rallye kaum glauben mag. Alleine einen Anstieg von 4,5 Prozent in zwei Tagen, wie man ihn beim S&P 500 am Mittwoch und Donnerstag erlebte, gab es in den letzten 25 Jahren nur neun Mal. Und dann auch noch eine solche Punktlandung am Rekordhoch? Na ...

Fazit: Die Ereignisse der vergangenen Woche basierten ganz sicherlich nicht auf Zufällen. Doch ob da jemandem etwas aus dem Ruder lief und was es genau war ... ob nun die Initiatoren dieses Spiels die großen Gewinner waren oder am Ende doch die Verlierer, lässt sich durch die reine Analyse des Geschehens nicht sicher sagen. Eines jedoch lässt sich sehr wohl feststellen:

Die ganz großen Fische insbesondere am Terminmarkt verfügen über Summen, mit denen sie Trends machen und beenden können. Das tun sie dann, wenn ihnen die Gewinnperspektive ausreichend interessant erscheint. Egal in welchem Markt, egal zu welchem Zeitpunkt. In den letzten Monaten wurde deren Dominanz immer auffälliger. Man sollte genau beobachten, ob sich derartig verdächtige Kursbewegungen auch in den kommenden Monaten um die Verfalltermine und/oder Monatsultimos herum wiederholen. Wenn dem so sein sollte, sollte eines klar sein:

Gerade jetzt, wo zwei markante Abwärtsbewegungen innerhalb kürzester Zeit wieder aufgeholt wurden, fühlen sich die bullishen Anleger unverwundbar. Viele glauben dadurch gelernt zu haben, das ist dummes Zeug ist, Positionen mit Stoppkursen abzusichern und gegebenenfalls auszusteigen, weil es sowieso sofort wieder nach oben geht. Im Gegenteil bekommt man so das Gefühl, dass ein Griff in fallende Messer immer von Erfolg gekrönt sein wird. Und diese „Denke“ wird von der perma-bullishen Propaganda der Bank-Analysten medial auch noch massiv unterstützt.

In einer solchen Situation hat man, wenn man eine Trendwende nach unten provozieren will, den Rest der Anlegerschaft genau da, wo man sie braucht. Ich kann nur dazu raten, für die kommenden Wochen und Monate, wie schon in meinem Marktkommentar von zwei Wochen ausführlicher erläutert, sehr, sehr vorsichtig zu sein!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt (www.baden-boerse.de)

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