Die Preise von Gold und Silber steigen noch viel weiter - und - Was Sie über Mega-Crash-Prognosen wissen sollten

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Prof. Dr. Thorsten Polleit

Die internationalen Umfeldbedingungen sprechen dafür, dass sich der Aufwärtstrend der Preise für Gold- und Silber fortsetzen wird. Für langfristig orientierte Anleger bleibt das Halten von Gold und Silber attraktiv; es ist weiterhin ratsam, Gold- und Silberpositionen auf- und auszubauen.

Hinweis: Nachfolgend zu diesem Artikel finden Sie auch "Was Sie über Mega-Crash-Prognosen wissen sollten."

Die Zahl der Faktoren, die für das Halten von Gold sprechen, hat im Laufe der letzten Monaten deutlich zugenommen: beispielsweise der schwelende Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und China; die Abkühlung der Weltwirtschaft; die Rückkehr zur Nullzinspolitik beziehungsweise der Abstieg in die Negativzinswelt; und nicht zuletzt mehren sich auch die Anzeichen, dass politische Stabilität und Verlässlichkeit, die in vielen Ländern der westlichen Welt bisher als Selbstverständlichkeit angesehen wurde, zusehends unter die Räder geraten, und dass eine baldige Trendumkehr leider nicht zu erkennen ist.

Dass der Goldpreis langfristig aufwärtsgerichtet ist, dürfte recht unstrittig sein in einem Umfeld, in dem die Kaufkraft der offiziellen Währungen systematisch und immer unverhohlener durch die Zentralbankpolitiken herabgesetzt wird. Das geschieht vor allem durch die Zinspolitik: Die Geldbehörden sorgen ganz gezielt dafür, dass die Zinsen, die auf Bankeinlagen gezahlt werden, nach Abzug der Inflation negativ werden. Wer also Guthaben hält, der erleidet Verluste. Hinzu kommt, dass die anhaltende Negativzinspolitik früher oder später die Banken dazu bewegen wird, ihren Kunden Negativzinsen in Rechnung zu stellen.

Und die Negativzinspolitik greift immer weiter um sich. So hat nun auch die Europäische Zentralbank (EZB) dafür gesorgt, dass mittlerweile alle Renditen für deutsche Staatsanleihen unter die Nulllinie gefallen sind. Aber auch in den Vereinigten Staaten von Amerika schleust die US-Zentralbank die Zinsen wieder nach unten. Die Folge ist, dass sichere und liquide Anlagenformen zusehends knapper werden. Weder US-Dollar, Euro oder Schweizer Franken sind Geldarten, die erwarten lassen, dass ihre Kaufkraft erhalten bleibt. Die wahrscheinliche Folge ist: Die Nachfrage nach Gold und Silber von Seiten der privaten und institutionellen Investoren wird strukturell zunehmen: Es wird tendenziell attraktiver, einen größeren Anteil des Portfolios in Form von Gold und Silber zu halten.

KEINE „EINFACHE FORMEL“

Wir haben bereits häufig auf Folgendes hingewiesen: Es gibt keine „einfache Formel“, mit der sich die Preisentwicklung der Edelmetalle prognostizieren ließe. Allein schon die Bestimmung des „richtigen“, des „fairen“ Preises von Gold und Silber ist überaus schwierig, denn die Edelmetalle erzielen – anders als zum Beispiel Aktien, Anleihen oder Häuser – keinen Zahlungsstrom, mit dem sich die „Angemessenheit“ der Marktpreise abschätzen ließe. Und der Versuch, aus vergangenen Preisbewegungen und Preismustern Aussagen für die Zukunft abzuleiten, kann sicherlich auch nicht restlos überzeugen.

Wie die Leser des Degussa Marktreports wissen, ziehen wir die Langfristbeziehung zu Rate, die zwischen Goldpreis, Geldmenge, Zins und Kreditaufschlägen in den letzten Jahren zu beobachten war. Auf dieser Basis lässt sich zumindest ein Hinweis gewinnen, wo der Goldpreis stehen müsste, wenn die Langfristbeziehung nach wie vor Gültigkeit hätte. Wendet man dieses Verfahren an, so ergibt sich ein „fairer“ Goldpreis von ungefähr 1.500 USD/oz (Abb. 2 a). So gesehen hat der markante Preisanstieg des Goldes seit Juni dieses Jahres nur die „Lücke“ geschlossen, die sich seit geraumer Zeit zwischen dem „geschätzten Goldpreis“ und dem aktuellen Goldpreis aufgetan hatte (Abb. 2 b).

 

 

Wenn man den aktuellen Trend des Geldmengenwachstums fortschreibt, so ergibt sich ein Goldpreis von ungefähr 1.690 USD/oz Ende 2020 – das entspräche beim aktuellen Goldpreis einer Preissteigerung von etwa 11 Prozent. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass der damit verbundene „Schätzfehler“ recht hoch ist: Er deutet auf eine Bandbreite von 1.840 USD/oz „oben“ (das entspräche einer Preissteigerung von knapp 23 Prozent) und 1.440 USD/oz „unten“ (das entspräche einem Minus von 8 Prozent). Für den Anleger ergibt sich daraus ein sehr attraktives Ertrags-Risiko-Profil: Es besteht ein erhebliches Aufwärtspotential beim Goldpreis bei einem gleichzeitig relativ begrenzten Abwärtsrisiko.

VORSICHTIGE EINSCHÄTZUNG

Unserer neuen Einschätzungen für die Edelmetallpreise sind in graphischer Form auf Seite 4 und in tabellarischer Form auf Seite 5 abgebildet. Es sei hier angemerkt, dass diese Einschätzungen keine Zuspitzung der aktuellen Lage, keine Kriseneskalation, unterstellen. So gesehen handelt es sich hier um eine „konservative“ Einschätzung, deren „möglicher Fehler“ aus unserer Sicht eher in einer Unter- als einer Überschätzung der künftigen Edelmetallpreise sein dürfte. Zudem sollte der Anleger sich auch bewusst machen, dass es in den kommenden Monaten Preisrückschläge geben kann. Um sie sinnvoll ausnutzen zu können, sollte der Anleger eine gut begründete Marktmeinung entwickeln. Zu dieser Gedankenarbeit wollen unsere Einschätzungen einen Beitrag leisten.

Die Aussicht auf einen weiter steigenden Goldpreis erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass vor allem auch der Silberpreis anzieht (Abb. 3 a). Zum einen besteht langfristig ein relativ enger und positiver Verbund zwischen Gold- und Silberpreis: Gerade wenn die Nachfrage nach Gold zu monetären Zwecken zunimmt, ist es wahrscheinlich, dass auch das Silber verstärkt nachgefragt wird. Weiterhin spricht für einen steigenden Silberpreis, dass das Preisverhältnis von Gold zu Silber mittlerweile sehr hoch ist (es liegt bei etwa 87,5) und damit deutlich über seinem Langfristtrend liegt (Abb. 3 b). Vor diesem Hintergrund erscheint es uns plausibel, dass der Silberpreis bis Ende 2020 in Richtung 23 USD/oz steigt – mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass dieser Wert noch deutlich übertroffen wird.

INFLATIONÄRE ZEITEN

Mit den neuen Preiseinschätzungen der Edelmetalle ist, wie voranstehend erwähnt, keine Annahme verbunden, dass es in den kommenden Monaten zu einer schweren Krise der Weltwirtschaft kommen wird. Die ist zwar nicht auszuschließen (die Wahrscheinlichkeit für solch ein Szenario ist sicherlich nicht bei null Prozent zu veranschlagen), aber es hat bei unserer Abschätzung der wahrscheinlichen Edelmetallpreisentwicklungen keine ausdrückliche Rolle gespielt. (Zur grundsätzlichen Problematik, eine Krise mit Blick auf ihren Eintrittszeitpunkt bestimmen zu können, siehe den Aufsatz „Was Sie über Mega-Crash-Prognosen wissen sollten“ nachfolgend auf diesen Artikel weiter unten.)

An dieser Stelle sei vielmehr darauf hingewiesen, dass das Ausweiten der Kredit- und Geldmengen, solange es andauert, einen Aufwärtsdruck auf alle Preise in der Volkswirtschaft ausübt. Eine chronische Inflationierung der Preise zeigt sich nicht nur in den Aktienmärkten (Abb. 4 a), sondern sie zeigt sich auch in vielen anderen Märkten (wie zum Beispiel in den Märkten für Anleihen, Häuser und Kunstwerken). In den letzten zwei Jahrzehnten hat der Preis für Gold darauf mit einem starken Anstieg reagiert (Abb. 4 b): Der US-Aktienmarkt ist um gut 100 Prozent gestiegen, der Goldpreis in US-Dollar um etwa 386 Prozent.

Solange die inflationären Geldpolitiken andauern, muss der Anleger nicht auf das Eintreten einer Krise zu einem bestimmten Zeitpunkt setzen, um einen Grund zu haben, Gold und Silber zu halten. Die Preise der monetären Metalle, solange sie in mehr oder weniger freien Märkten gehandelt werden, kompensieren nämlich langfristig die Anleger für die Geldentwertung, und sie stellen auch eine wirksame Versicherung gegen die wachsenden Risiken im Finanzsystem (vor allem in Form von Zahlungsausfällen) bereit. Derzeit ist nicht zu erkennen, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird – und daher gibt es weiterhin gute Gründe, Gold und Silber als liquide Mittel im Portfolio zu halten.

(*Hervorhebung in blau d.d. Redaktion der Metallwoche)

 

 

WAS SIE ÜBER MEGA-CRASH-PROGNOSEN WISSEN SOLLTEN

Das Eintreten von Krisen lässt sich (mit wissenschaftlichen Mitteln) nicht verlässlich prognostizieren. Bei seinen Investitionsentscheidungen sollte man sich nicht von Krisenprognosen leiten lassen.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise kommt! Im Jahr 2020 schlägt sie zu! Dann kommt die Rezession, und alle Unternehmen gehen Pleite! Dass Verkünder solcher Krisenprognosen große Aufmerksamkeit erzielen, ist verständlich. Denn sie sprechen damit so gut wie alle und jeden an: Den Sparer, der sein Geld auf dem Bankkonto liegen hat; den Unternehmer, der über seine Investitionspläne nachsinnt; den Investor, der überlegt, wem er sein Geld leiht. Sie und viele andere mehr wären von einer Finanz- und Wirtschaftskrise unmittelbar betroffen.

Was ist von solchen Krisenprognosen zu halten? Um eine Antwort zu finden, sollte man sich zu allererst mit der Möglichkeit auseinandersetzen, ob volkswirtschaftliche Geschehnisse – also menschliches Handeln – überhaupt mit wissenschaftlichen Mitteln prognostiziert werden können. Was weiß man darüber? Wir wissen zunächst einmal zweifelsfrei, dass menschliches Handeln unter Unsicherheit stattfindet. (Was nicht heißt, dass alles unsicher ist: Denn wenn etwas unsicher ist, muss es logischerweise auch etwas geben, was sicher ist!)

Unsicherheit

Unsicher ist zum Beispiel, wie Menschen künftig handeln: Welche Wertvorstellungen sie annehmen, welche Ziele sie formulieren, wie sie auf bestimmte Geschehnisse reagieren. Nicht selten ist auch unsicher, unter welchen konkreten Bedingungen sie handeln werden. Beispielsweise kennt man nicht schon heute alle Märkte, Produkte und Moden, die es künftig geben wird; man weiß beispielsweise nicht, wie die Aktienmarktinvestoren auf Zinsveränderungen reagieren werden. Wie also geht man mit Handeln unter Unsicherheit um?

Man kann versuchen, aus der Vergangenheit zu lernen, aus beobachtetem menschlichem Verhalten. Doch leider: Im Bereich des menschlichen Handelns gibt es keine Verhaltenskonstanten. In der Naturwissenschaft ist es möglich, Gesetzmäßigkeiten wie zum Beispiel „Wenn A um x% steigt, dann steigt B um y%“ aufzuspüren. Das aber ist im Bereich des menschlichen Handelns nicht möglich. Menschen reagieren auf einen bestimmten Impuls nicht stets in der gleichen Art und Weise. Der Grund für diese Einsicht ist ein logischer.

Wir wissen nämlich zweifelsfrei, dass menschliches Handeln von Ideen (oder auch: Theorien oder Wissen) be- stimmt ist, und dass diese Ideen die endgültigen Daten für das Handeln sind; sie sind das ultimativ Gegebene, das sich nicht mehr auf andere Daten (Faktoren) zurück- führen lässt.1 (Genau diese Einsicht begründet übrigens den methodologischen Dualismus: die Einsicht, dass die wissenschaftliche Methode zur Erkenntnisgewinnung in der Wirtschaftswissenschaft eine andere sein muss als die, die in der Naturwissenschaft angewendet wird.)

Und nicht zuletzt wissen wir, dass Menschen lernfähig sind.2 Lernfähigkeit lässt sich nicht widerspruchsfrei verneinen: (1) Wer argumentiert, der Mensch sei nicht lernfähig, geht davon aus, dass andere den Inhalt seines Gesagten noch nicht wissen, dass sie also lernfähig sind (sonst würde er es nicht sagen). Er begeht damit einen performativen Widerspruch. (2) Wenn jemand sagt „Der Mensch kann lernen, nicht zu lernen“, so setzt er voraus, dass er irgendwann einmal gelernt hat, dass man nicht lernen kann – und attestiert damit Lernfähigkeit. Er begeht also einen offenen Widerspruch.

Lernfähigkeit bedeutet, dass man nicht heute schon alle künftigen Ideen (Wissensbestände) kennen kann, die das künftige Handeln bestimmen; denn sonst wüsste man schon heute, wie künftig gehandelt wird. Zudem impliziert Lernfähigkeit, dass das Handeln nicht (im Sinne von Ursache-Wirkung) durch äußere Faktoren (physikalischer, chemischer oder biologischer Art) erklärt werden kann. Ansonsten könnte man schon heute wissen, wie künftig gehandelt wird, und das hieße, dass der Mensch nicht lernfähig ist – was logisch widersprüchlich wäre.

Damit sollte ersichtlich geworden sein, dass man mit vergangenen Beobachtungen menschlichen Handelns nicht in der Lage ist, künftige menschliche Handlungen auf sachlogisch überzeugende Weise vorherzusagen: Vom Handeln gestern gibt es keine logische Brücke zum Handeln morgen. Wie sind Prognosen für Finanz- und Wirtschaftskrisen vor diesem Hintergrund zu betrachten? Versuchen wir, eine Antwort auf diese drängende Frage zu finden.

1 Hierzu Mises (1957), Theory and History. An Interpretation of Social and Economic Evolution, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Ala- bama, S. 1 – 4.

2 Zu diesem Argument siehe Hoppe, H. H. (1983), Kritik der kausalwis- senschaftlichen Sozialforschung. Untersuchungen zur Grundlegung von Soziologie und Ökonomie, Studien zur Sozialwissenschaft, West- deutscher Verlag, Opladen, z. B. S. 44 – 49.

 

Krisenprognosen

Es gibt gute Gründe, das weltweit vorzufindende ungedeckte Papiergeldsystem als instabil einzustufen. Das lässt sich mit der monetären Krisentheorie der Österreichischen Schule erklären: Die Ausgabe von neuem Geld durch Bankkredite, die nicht durch „echte Ersparnisse“ gedeckt sind, sorgt für Wirtschaftsstörungen. Sie setzt zunächst einen „Boom“ in Gang, der aber auf Sand gebaut ist. Früher oder später schlägt er in einen „Bust“ um. Und je länger ein Boom angedauert hat, umso schmerzlicher wird auch der nachfolgende Bust ausfallen.

 

„Wir blicken so gern in die Zukunft, weil wir das Ungefähre, was sich in ihr hin und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu unsern Gunsten heranleiten möchten.“

—Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

 

Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Bedingungen in der realen Welt, die Boom und Bust beeinflussen. So können im Boom produktive Produkt- und Prozessinnovationen entstehen, die die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft erhöhen und ihre Schuldentragfähigkeit verbessern. Auf diese Weise kann der Boom länger dauern, als die „reine Theorie“ es erwarten ließe. Es kann auch sein, dass der Staat und seine Zentralbank die Marktkräfte aushebeln und so ganz verhindern, dass der Boom in einen Bust umschlagen kann.

Weil sich all das aber nicht exakt vorhersagen lässt (wie man es in den Naturwissenschaften gewohnt ist), ist der Anleger gut beraten, solchen Prognosen, die da sagen, es werde zu einem Crash, einer „Mega-Krise“ zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt kommen (im Jahr 2020, 2021 oder 2022), kritisch gegenüberzustehen. Die in Aussicht gestellten Szenarien sind zwar nicht völlig aus der Luft gegriffen, sie sind aber in Bezug auf Erscheinungsform und zeitlichem Ablauf halt nicht mehr als Mutmaßungen.

Für den unbedarften Anleger, der seine Investitionsentscheidungen von Krisenprognosen abhängig macht, kann das unter Umständen äußerst kostspielig werden. Beispielsweise dann, wenn der Zeitpunkt des Systemzusammenbruchs zu früh an die Wand gemalt wird und den Anleger zum Beispiel dazu verleitet, voreilig aus dem Aktienmarkt auszusteigen. Er kann dann große Verluste in Form von entgangenen Renditen erleiden, die er selbst dann nicht mehr wettmachen kann, wenn die „Krise“ irgendwann dann tatsächlich eintritt.

Wann kommt die Krise?

Was ist eigentlich mit „Krise“ oder „Mega-Krise“ gemein? Unterschiedliche Menschen deuten diese Worte vermutlich unterschiedlich. Für die einen ist Krise hohe Inflation oder Hyperinflation. Andere wiederum setzen sie mit Deflation gleich: fallende Preise, tiefe Rezession, Firmenpleiten, hohe Arbeitslosigkeit. Wieder andere meinen, eine Mega-Krise zeigt sich erst in Deflation, auf die dann Inflation folgt. Die Krise kann aber auch – und genau das scheint häufig übersehen zu werden – in einem ganz anderen Gewand daherkommen.

Und zwar in diesem Gewand: Die Staaten und ihre Zentralbanken legen die letzten Reste des Systems der freien Märkte lahm und verhindern auf diese Weise, dass der Boom, für den das Fiat-Geldsystem sorgt, durch einen Bust beendet wird und seine Fehler korrigiert werden können. Dass die Politik in diese Richtung arbeitet, dass zeigen viele Indizien. So haben die Zentralbanken die Zinsen auf extreme niedrige Niveaus gedrückt, und sie setzen ihre ganze Macht ein, um zu verhindern, dass die „Blasenwirtschaft“ platzt.

Die disruptive Krise kann unter diesen Bedingungen bis auf Weiteres ausbleiben. Doch etwas anderes, nicht weniger dramatisches geschieht: Indem Staat und Zentralbank ihre Eingriffe in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben immer weiter ausweiten (durch Ge- und Verbote, Gesetze, Regulierungen und Besteuerung), schmelzen die bürgerlichen und unternehmerischen Freiheiten dahin, und die Quelle des künftigen Wohlstands versiegt. Eine Lenkungs- und Befehlswirtschaft entsteht: Staat und Zentralbank bestimmen, wer was wann wo produziert und wer was wo und wann konsumiert.

Das Bankenproblem

Solch ein Szenario erscheint durchaus plausibel im Euroraum, wenn man sich vergegenwärtigt, wie mit dem Euro-Bankenproblem umgegangen wird. Zweifelsohne sind die Banken eine besonders kritische Variable im ungedeckten Papiergeldsystem. Sie produzieren den Großteil des ausstehenden Kredit- und Geldmengenvolumens. Und in ihren Bilanzen sind die Ersparnisse von Millionen von Menschen ausgewiesen – in Form von Eigenkapital, Depositen und Schuldpapieren. Es ist keineswegs übertrieben zu sagen, dass das Wohl und Wehe des Fiat-Geldsystems in entscheidendem Maße von den Banken abhängt.

Im Euroraum hat das Eigenkapital vieler Banken noch ei- nen großen Abschreibungsbedarf zu verkraften. Das ist durchaus heikel, schließlich operieren die Kreditinstitute traditionell mit einer sehr geringen Eigenkapitaldecke, die durch Kreditausfälle rasch aufgezehrt werden kann. Zudem sehen sich die Geldhäuser wachsenden Ertrags- und Gewinnproblemen gegenüber. Die Frage, die man sich an dieser Stelle stellen muss, lautet: Wird es der Euro-Bankensektor sein, der in die Knie geht, und wird sein betriebswirtschaftliches Scheitern die nächste Euro-Krise (oder Schwereres) auslösen?

Wer diese Frage bejaht, der macht wohlmöglich die Rechnung ohne den Wirt. Denn was würden die Staaten und die Europäische Zentralbank (EZB) in solch einer „Notsituation“ machen, in der Banken drohen Pleite zu gehen? Die EZB ist der Monopolist der Euro-Geldproduktion. Sie kann den Banken jede gewünschte Kredit- und Geldmenge verabreichen. Auf diese Weise schafft sie das Liquiditätsrisiko aus der Welt. Zudem kann sie auch noch dafür sorgen, dass die Euro-Banken bei Bedarf mit neuem Eigenkapital ausgestattet werden, wenn das Insolvenzrisiko schlagend wird.

Die EZB kann das Folgende machen: Die Euro-Staaten werden aufgefordert, neue Schuldpapiere auszugeben, die dann von der EZB gekauft werden. Die dadurch neu geschaffenen Euro zahlen die Staaten als Eigenkapital in die Banken ein. Die Euro-Banken werden – je nach Ausmaß der Rekapitalisierung – de facto verstaatlicht. Die Altaktionäre der Banken erleiden zwar hohe Verluste, aber die Banken bleiben über Wasser. Die Zahlungsfähigkeit des Euro-Fiat-Geldsystems bleibt erhalten. Zahlungsausfälle auf den Kreditmärkten sind abgewendet, das staatlich subventionierte Bankensystem bricht nicht plötzlich zusammen.

Die letzten Jahre der „Rettungspolitiken“ im Euroraum haben deutlich gemacht, dass ein Systemkollaps durchaus lange Zeit verhindert werden kann. Und solange die Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft sind, solange die Zentralbanken noch immer neue Kaninchen aus dem Zy- linder zaubern können, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der „Mega-Crash“ auf sich warten lässt. Die Anleger haben dann allerdings mit den Begleiterscheinungen zu kämpfen: Null- und Negativzinsen, Entwertung des Geldes durch Inflation, Einstellen der Zahlungsverpflichtungen von Staaten und Banken, steigende Besteuerung, Bargeldverbot.

Was zu lernen ist

Wann genau die Krise oder der Mega-Crash kommen, und welche Gestalt sie annehmen – das sind Fragen, auf die die Wirtschaftswissenschaft letztlich keine Antwort geben kann. Sie kann bestenfalls bedingte Prognosen machen – Prognosen, die das Vorliegen von (einigen, aber nicht allen) künftigen Bedingungen, unter denen gehandelt wird, bereits heute schon als bekannt voraussetzen. Doch ob damit eine Prognosegüte erreicht wird, die Gehaltvolles über das künftige menschliche Handeln sagen kann, darf ernstlich bezweifelt werden.

Die Unterstützung, die die Ökonomik zur Erhellung des Zukünftigen geben kann, ist also recht gering. Wenn es etwas gibt, was der Ökonomik als prognostische Fähigkeit ausgelegt werden kann, sind das „nur“ ihre apriorischen Aussagen, die a priori Handlungskategorien und die daraus abgeleiteten Theorien und Theoreme. Doch sie sind nur insoweit für Prognosen nützlich, als dass man Kenntnis über die künftigen Bedingungen hat, unter denen das Handeln tatsächlich stattfindet – die aber ist in der Regel eben nicht vorhanden.

Das heißt nun nicht, dass es niemanden geben kann, der Ihnen, verehrte Leserin, geehrter Leser, die „richtige“ Krisenprognose stellen könnte. Es ist durchaus möglich, dass es Personen gibt, die heute schon wissen, wann und wie sich die Krise des ungedeckten Papiergeldes entfaltet. Eines ist allerdings sicher: Zu diesen Personen gehören nicht die Hauptstrom-Ökonomen, die die Volkswirtschaftslehre als Erfahrungswissenschaft begreifen und mit aufwendigen Modellen, die auf Vergangenheitsdaten aufbauen und Verhaltenskonstanten aufzuspüren gedenken, die Zukunft prognostizieren.

Viele Menschen haben ein großes Bedürfnis, über Zeitpunkt und Form der Krise rechtzeitig informiert zu sein. Doch im Grunde ist es viel wichtiger, wie man als Privatinvestor oder Unternehmer in einer Weise investiert, dass der Investitionserfolg nicht davon abhängt, dass man den Zeitpunkt der Krise genau vorausgesehen hat (was, wie wir gesehen haben, für die meisten ohnehin unmöglich sein dürfte), sondern dass er möglichst unabhängig davon wird. Wie das geht, lässt sich bei nachweislich erfolgreichen Investoren nachschlagen.

Wer zum Beispiel studiert, wie Benjamin Graham, Phil Fisher, Warren F. Buffett, Charlie Munger, Joel Greenblatt und andere Investoren mit Unsicherheit umgehen, der wird nicht nur rasch merken, dass Krisenprognosen ihren Schrecken verlieren. Er wird auch erkennen, was wirklich wichtig, weniger wichtig und unwichtig ist beim Umgang mit Unsicherheit und Finanz- und Wirtschaftskrisen. Sich Gedanken machen über den Zeitpunkt des Crashs gehört jedenfalls bei diesen Investoren nicht dazu.

Mit freundlichen Grüßen

© Thorsten Polleit

Chefvolkswirt Degussa Goldhandel GmbH 

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