Grexit kein Problem - Kalkül oder Leichtsinn?

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von Ronald Gehrt

Gleich vorweg sei gesagt: Dieser Kommentar basiert auf dem, was ich an Informationen in der Nacht zum Sonntag vorliegen habe. Ob Angela Merkel und Wolfgang Schäuble tatsächlich kein Problem damit hätten, sollte Griechenland aus der Eurozone ausscheiden, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesichert. Der Artikel des Spiegel zitiert die beiden Politiker nicht, sondern beruft sich auf Informationen aus Regierungskreisen.

Und gerade bei dieser Thematik kommt es sehr auf einen genauen Wortlaut, gegebenenfalls sogar jedes Komma an, um daraus ableiten zu können, was hinter einer solchen Änderung der bisherigen Linie stecken könnte.

Ich persönlich hatte schon vor den ganzen Rettungspaketen die Ansicht vertreten, dass Griechenland mittelfristig besser dran sei, wenn das Land aus der Fessel der Einheitswährung und standardisierten fiskalischen Vorgaben ausscheiden würde. Die Rückkehr zur Drachme und die dadurch dann mögliche Abwertung inklusive eigener Zinspolitik wäre kurzfristig zwar ein riskantes Manöver, auf längere Sicht aber eine bessere Lösung gewesen, als durch die aus unflexibler Denkweise heraus geborenen Sparprogramme zu ertragen, die zwar den Staatshaushalt stabilisieren sollten, dafür aber, wie von vornherein absehbar war, die Wirtschaft des Landes zerquetscht und das soziale Gefüge des Landes über das erträgliche Maß hinaus belastet haben. Aber:

Jetzt liegt das Kind im Brunnen. Jetzt ist die Arbeitslosigkeit hoch und bleibt es auch. Jetzt ist die griechische Wirtschaft derartig auf die durch den Euro bedingten, einigermaßen moderaten Zinsen und Teuerungsraten angewiesen, dass ein Austritt des Landes aus der Eurozone Folgen hätte, als würde man einem ohnehin schon k.o. gegangenen Boxer gleich nochmal niederprügeln. Jetzt hängt man unweigerlich am Tropf einer für den Fall der Fälle bürgenden Eurozone und den Hilfsgeldern, so dass ein Ausstieg zu diesem Zeitpunkt das Land in eine Katastrophe stürzen würde, die noch einmal deutlich heftiger wäre als der fatale Zustand, in dem man sich ohnehin schon befindet.

Ob das den griechischen Wählern klar ist, ist die Frage – das wird sich in Kürze im Zuge der Neuwahlen herausstellen. Ob es der griechischen Linkspartei klar ist, ebenso. Aber den Politikern der großen Eurozone-Ländern muss das klar sein. Falls also die Bundesregierung tatsächlich von ihrer Linie, ohne Wenn und Aber an der Mitgliedschaft Griechenlands in der Eurozone festzuhalten, abgerückt sein sollte, stellt sich die Frage, was dahinter stecken könnte.

Ist es womöglich die späte Erkenntnis, dass die bisherige Vorgehensweise durch die absehbaren Nebenwirkungen auf die griechische Wirtschaft hinsichtlich der Hilfszahlungen zu einem Fass ohne Boden geworden ist und man einfach einen Patienten nach jahrelanger falscher Medikation aufgibt?

Oder ist es womöglich nur eine kaschierte Warnung an die griechische Opposition respektive die Wähler, dass man bisherige Solidarität sofort kappen werde, wenn das Land sich den Bedingungen der Geberländer nicht mehr beugen sollte?

Ich vermute, dass es eine Kombination aus beidem ist, kurz: Entweder ihr macht weiterhin genau das, was wir euch sagen … oder ihr könnt schauen, wo ihr bleibt. Doch was passiert, wenn es wirklich zu einem solchen Austritt käme?

Dass Griechenland kurzfristig erst einmal in große Schwierigkeiten gerät, ist klar. Aber wäre das für die Eurozone insgesamt tatsächlich so unproblematisch, wie es nun behauptet wird? Ich denke nicht.

Ein solcher Schritt wäre ein Offenbarungseid für die Stabilität und Funktionsfähigkeit der Eurozone an sich. Es wäre die für jeden sichtbare Manifestation, dass all die Maßnahmen und Klimmzüge der Politik und der Notenbank nicht imstande waren, die Sollbruchstelle der Eurozone, die von Anfang an zwischen den starken Kernstaaten und dem Rest existierte, zu stabilisieren. Es wäre ein Zeichen gegenüber dem Rest der Welt, dass dieses Projekt Eurozone instabil ist. 

Und deswegen bezweifle ich sehr, dass ein Austritt Griechenlands keinerlei Konsequenzen für die anderen, angeblich sanierten und stabilen Länder hätte,

Der Druck, der zu Beginn der Eurokrise von außen über die Anleihemärkte auf die Eurozone ausgeübt wurde, soll nun angeblich durch die Rettungsmechanismen und die Notenbank jederzeit abwehrbar sein. Doch davon abgesehen, dass beispielsweise der ESM schnell seine Funktion als Beruhigungspille einbüßen kann, wenn er denn erst einmal tatsächlich benötigt wird und die mittelfristigen Konsequenzen einer offenen Feldschlacht zwischen großen, gegen die Eurozone spekulierenden ausländischen Investoren und der EZB völlig unberechenbar sind, ist die Eurozone momentan seitens der Konjunkturlage derartig instabil, dass sie eine erneute Spekulations-Attacke gegen ihren Bestand kaum lange durchhalten wird.

Denn was würde große Spieler daran hindern, diesmal über die Aktienmärkte anzugreifen? Wer könnte dann effektiv dagegenhalten? Und im Gegensatz zu 2010 sind die großen Patienten wie Italien und Spanien kaum stabiler geworden, dafür aber zahlreicher. Denn Frankreich torkelt immer näher an den wirtschaftlichen Abgrund. Und würde Frankreich kippen, kippt die gesamte Eurozone.

Ich denke daher: Wenn die Bundesregierung tatsächlich allgemein durchblicken lassen will, dass die Griechen bleiben können, wo der Pfeffer wächst, falls sie bei den Neuwahlen eine aus deutscher Sicht falsche Entscheidung treffen, so will man damit nur verhindern, dass eben dies geschieht. Aber es wäre eine gefährliche Entwicklung, wenn man in dieser Hinsicht tatsächlich konsequent bleiben müsste. 

Griechenland mag von der Wirtschaftsleistung her im Verhältnis zur gesamten Eurozone klein sein. Aber wenn man aus einem großen Gewölbe den winzigen Schlussstein entfernt, wird halt mit einem Schlag alles instabil. Würde Griechenland die Eurozone tatsächlich in den nächsten Monaten verlassen, fürchte ich, würde das eine neue Spekulationswelle gegen die Eurozone lostreten. Und ein solcher Ringkampf mit auf beiden Seiten unbegrenzten Mitteln würde dazu führen, dass die Bürger und deren Einkommen und Vermögen zwischen den Mühlsteine zerrieben werden.

Jetzt, am Wochenende, lässt sich nicht abschätzen, wie die Börsen auf diese angeblichen Aussagen aus Regierungskreisen reagieren werden. Aber man darf gespannt sein – es könnte eine recht lebhafte Reaktion werden.

Mit besten Grüßen

Ronald Gehrt (www.baden-boerse.de)

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