"Kaufen, wenn die Kanonen donnern"

Tags: Antizyklischer Börsenbrief Kaufen, wenn die Kanonen donnern Andreas Hoose

von Andreas Hoose

Angesichts der "grottenschlechten Stimmung" haben viele Anleger jetzt Angst, etwas zu verpassen, wenn sie untätig an der Seitenlinie stehen. Kommt das Tief erst noch oder ist das Desaster bereits überstanden? "Kaufen, wenn die Kanonen donnern". Diese Uralt-Börsenregel kennt vermutlich jeder Anleger, der nicht erst seit gestern auf dem Parkett unterwegs ist. Leider wird an der Börse zum Einstieg nicht geklingelt. Und Kanonendonner wurde in den Börsensälen auch noch nie vernommen. Wann also sollte man tatsächlich wieder zugreifen? Muss man tatsächlich abwarten, bis das Blut knöcheltief in den Handelsräumen steht, wie es eine andere Börsenregel etwas drastischer formuliert?

Man kann davon ausgehen, dass auf der Suche nach der Antwort auf diese Fragen in den kommenden Wochen und Monaten wieder viel Kapital „verbraten“ wird, denn anstatt geduldig abzuwarten, bis sich die Lage geklärt hat, tendieren viele Anleger gerade in turbulenten Phasen zu hektischem Aktionismus. Nur ja nichts verpassen, und möglichst „das Tief“ erwischen, lautet dann vor allem bei vielen Anfängern die alles beherrschende Devise.

Dabei besteht mit Blick auf den dramatischen Jahresausklang 2018 überhaupt kein Anlass zur Eile: Nach Lage der Dinge hat der Dezember 2018 Vorbilder, die bis in die Zeit der Großen Depression der 1930er Jahre zurückreichen.

Und wenn einige der großen Indizes zuletzt die schwächsten Quartalskerzen seit Jahrzehnten gebildet haben, dann ist jetzt mit größter Wahrscheinlichkeit viel mehr Zeit als mancher glaubt. Eine Prognose ist daher zum Jahresauftakt 2019 so sicher wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche:

Bis nach einem Abverkauf wie zuletzt gesehen, ein belastbarer neuer Trend entstehen kann, wird enorm viel Zeit vergehen. Das unerschütterliche Vertrauen der Anleger in die Unverwundbarkeit des nie enden wollenden Bullenmarktes ist gerade erst dabei, sich in Luft aufzulösen. Solche Prozesse dauern jedoch immer (!) wesentlich länger als sich das erfolgsverwöhnte Dauerbullen vorstellen können…

Wie sich die Stimmungslage in solche Phasen entwickelt, das zeigt die folgende Abbildung: Bis aus Angst Mutlosigkeit oder gar Depression werden, geht viel Zeit ins Land.

Dass jetzt überhaupt kein Anlass besteht, irgendetwas zu überstürzen, lässt beispielhaft der Kursverlauf des breit aufgestellten US-amerikanischen Russell 2000 auf Quartalsbasis in der folgenden Abbildung erahnen. Zum Jahresende 2018 ist der Index unter den wichtigen gleitenden Zwölf-Quartals-Durchschnitt gerutscht. Der MACD steht jetzt glasklar auf „verkaufen“. Das Verkaufssignal ist dabei sogar noch wesentlich klarer als zu Beginn der großen Baissen 2001 und 2008. Achten Sie auf die rote Markierung. Von einer wie auch immer gearteten „Bodenbildung“ ist im Moment jedenfalls nicht einmal ein Hauch zu erkennen…

Sind denn wenigstens die Stimmungsindikatoren hilfreich? In den Börsensälen regiert ja jetzt wieder die Angst, wie mancher Analyst nicht müde wird zu betonen. Daher sei die Zeit genau richtig, um wieder einzusteigen.

Ein Blick auf den längerfristigen Verlauf des in diesen Tagen viel zitierten Angst- und Gier-Indikators des Börsensenders CNN entlarvt diese Annahme jedoch als Ammenmärchen:

Während der Baisseperioden von 2000 bis 2003 und von 2007 bis 2009 ist dieser Indikator mehrfach von einem „Rekordhoch“ zum nächsten „Rekordtief“ gesprungen. Achten Sie auf die beiden roten Markierungen in der folgenden Abbildung. Wer daher vermeintliche Panik-Tiefs bei dem Stimmungsbarometer zum Einstieg genutzt hatte, der konnte sich anschließend mehrfach eine blutige Nase holen. Typisch Börse eben…

Aktuell könnte folgender Aspekt hinzukommen: Von einer wirklichen Panik war bislang noch gar nichts zu sehen. Die Stimmung könnte daher im Moment auch deshalb so schlecht sein, weil vielen Anlegern nach der schier endlosen Dauerhausse seit März 2009 erst ganz allmählich dämmert, dass sich das große Bild zu ändern beginnt. Bis aus diesem ersten Anflug von Realismus Verzweiflung oder gar Resignation wird, muss vermutlich noch sehr viel passieren...

Die Versuchung ist groß, bei derartiger Gemengelage in die Analyse der Wirtschaftsdaten zu flüchten, um dort Anzeichen einer nahenden Besserung zu finden. Schlau wird man dabei jetzt allerdings auch nicht gerade:

In Deutschland etwa ist der ifo-Index zuletzt zum vierten Mal in Folge von 102,0 auf 101,0 Zähler gesunken. Auch die Einkaufsmanagerindizes in der Eurozone fallen weiter. Das französische Pendant ist zuletzt gar unter die Marke von 50 Punkten gestürzt. Damit scheint die französische Konjunktur jetzt den Rückwärtsgang einzulegen.

Auch in den USA verschlechtert sich die Stimmung. Der von der Notenbank in Richmond erhobene gewerbliche Index fiel von +14 auf -8 Zähler, der New York Empire State Index brach zuletzt von 23,3 auf 10,9 Zähler ein. Der Cass-Freight-Frachtindex gab um über fünf Prozent nach - und selbst das Vertrauen der daueroptimistischen US-Konsumenten war zuletzt bei den Erwartungen von 112,3 auf 98,1 Zähler eingebrochen.

Die frühere Notenbankchefin Janet Yellen warnte kürzlich gar vor einer Neuauflage der Finanzkrise. Laut Yellen habe sich die Schuldenlast der US-Unternehmen seit 2008 nahezu verdoppelt. Steigende Zinsen und eine nachlassende Konjunktur könnten in einem solchen Umfeld den Nährboden bilden für zahlreiche Unternehmenspleiten.

Das Problem bei der Analyse solcher Daten:

Wirklich schlecht sind diese Parameter immer erst am Tiefpunkt einer Baisse, wenn die Kurse also bereits eine ganze Weile gefallen sind. Kontra-Anleger machen sich das zu Nutze und steigen erst dann ein, wenn schlechte Nachrichten keine weiteren Kurseinbrüche mehr nach sich ziehen.

Soweit ist es im Moment allerdings noch längst nicht. Die kalte Dusche an allen Weltbörsen als Antwort auf den schwachen Ausblick des Apple-Konzern hat das in dieser Woche eindrucksvoll bestätigt.

Dass auch von dieser Seite noch längst keine Entwarnung gegeben werden kann, zeigt der langfristige Verlauf des Aktienkurses. Der einstmals teuerste Konzern der Welt ist in schwieriges Fahrwasser geraten. Seit dem Rekordhoch 2018 hat die Aktie fast 40 Prozent verloren.

Realitische Chancen auf eine Bodenbildung hat die Notierung im Bereich des 2015er Hochs bei rund 130 US-Dollar. Erfahrungsgemäß werden jedoch auch solche "Beton-Unterstützungen" zunächst gerne noch einmal unterschritten, um die schwachen Hände zuverlässig abzuschütteln. Achten Sie auf die waagrechte rote Linie in der folgenden Abbildung. Investorenlegende Warren Buffett muss in diesem Zusammenhang übrigens um seinen Ruf fürchten: Noch bei 220 US-Dollar hatte Buffett die Apple-Aktie als „Schnäppchen“ bezeichnet…

Zusammenfassend könnte man sich in diesen Tagen an eine Börsenregel erinnern, die sich auch dann bewährt, wenn Anleger auf hohen Barbeständen sitzen, weil sie das Desaster rechtzeitig erkannt hatten und ausgestiegen waren:

An der Börse werden die größten Gewinne mit dem Hintern gemacht. Denn auch Barbestände sind ja eine "Position", die im Wert steigt, wenn die Kurse fallen.

Eine der menschlichen Eigenschaften, die den Börsenerfolg am zuverlässigsten verhindern, ist jedoch die Ungeduld. Das wusste schon der legendäre Trader Jesse Livermore, von dem das folgende Zitat stammen soll:

"Es waren nie meine Gedanken, die mir viel Geld einbrachten. Es war immer mein Stillsitzen. Verstanden? Mein konsequentes Stillsitzen!"

 

© Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief

Der Artikel erschien zuerst auf godmode-trader.de

 

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