Löcher in der Matrix - Netter Versuch

Tags: Löcher in der Matrix Ralph Malisch Smart Investor

von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update.

Praktisch alle „Gemeinschaftskassen“ zeichnen sich dadurch aus, dass man in aller Regel nicht exakt das herausbekommt, was man hineinbezahlt hat. Wäre das anders, könnte jeder sein Geld gleich behalten. Dieses Prinzip lässt sich gleichermaßen bei der Kegelkasse im Wirtshaus wie beim Bundeshaushalt beobachten. Es wird sich auch beim EU-Budget zeigen, das uns nun allenthalben schmackhaft gemacht wird. Der Umstand, dass ein solches Budget den einen schmackhaft gemacht werden muss, während es die anderen fordern, ist ein ziemlich gutes Indiz dafür, wer hier Nettozahler und wer Nettoempfänger sein wird –  da mag man Ihnen noch so viel Sand in die Augen streuen.

In der Bunderepublik stehen die Bürger solchen Gemeinschaftskassen besonders dann skeptisch gegenüber, wenn sie sich im fernen Brüssel befinden und dort ohne jegliche ernsthafte demokratische Kontrolle vor sich hin wuchern. Lernen aus Erfahrung. Gegen diese überwältigende Erfahrung der letzten Jahre und Jahrzehnte setzt ein Autor von SPIEGEL Online nun einen „Aufklärungsversuch“ unter dem Titel „Die Mär vom deutschen Zahlmeister“. Dabei legt er kurzerhand gleich zu Beginn das ganze Land auf die Couch: „Wenn es um Europa geht, kursiert in Deutschland die ewige Angst, es könnte uns etwas kosten.“ Das Land leidet also lediglich an einer Art Kostenphobie?! Nun, beim Aufklärungsversuch ist es geblieben, denn herausgekommen ist etwas, das sich wie eine vulgär-keynesianistische Polemik liest:

 „Es könnte für den Erhalt unseres eigenen Wohlstands sogar höchste Zeit sein, endlich richtig Geld zu investieren und in Europa eine Art Marshallplan aufzulegen …“

 „Zu den mit Abstand blödesten Reaktionen auf jedweden Vorschlag, Geld auszugeben, gehört das Lamentieren darüber, dass wir Deutschen dann ja “schon wieder” zahlen sollen …“

 „Klar, wir zahlen nach Adam Riese in Bedarfsfällen in der Regel mehr als, sagen wir, Malta.“

„Was die Deutschen netto beitragen, entsprach 2016 ganzen 0,35 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Jahres. Sprich: Für die EU-Kasse müssen wir rechnerisch gut einen Tag im Jahr konzentriert arbeiten. Ist sozusagen am 2. Januar in der Regel erledigt.“

„Der deutsche Finanzwart hat selbst vom Drama der Griechen noch profitiert – und drei Milliarden Euro Zinseinnahmen auf die Kredite dorthin eingesteckt, wie das Ministerium kürzlich einräumen musste.“

usw.

Kein Wort über den dreistelligen Milliardenbetrag, der in Griechenland noch immer ohne jegliche Hoffnung auf reale Rückzahlung im Feuer steht. Kein Wort über „Target2“ – hier hält die Deutsche Bundesbank inzwischen notgedrungen knapp 1.000 Mrd. EUR an weitestgehend uneinbringlichen Forderungen gegen die EZB. Kein Wort über Dimension und Auswirkungen von EZB-Bilanz, ELA, LTRO, EFSF, ESM sowie Null- und Negativzinspolitik. „Sozusagen am 2. Januar in der Regel erledigt“? Da fragt sich nur noch in welchem Jahrzehnt?

Reine Ahnungslosigkeit kann man dem Autor kaum unterstellen, denn schließlich macht er „irgendwas mit Wirtschaft“. Entsprechend eindeutig fällt die Resonanz der Leserschaft aus: Ein bisschen Mitleid, dass ein erwachsener Mann für ein paar Euro derartige Texte verfassen muss, überwiegend aber Wut, dass man auf so plumpe Weise für dumm verkauft werden soll. Auch wir mögen an so viel Plumpheit beim SPIEGEL nicht glauben und bieten eine weitere Option an: Es handelt sich um eine wunderbare Glosse auf die schlichte Denkungsart der „Geld kommt aus Deutschland“-Eurokratie – und die ist tatsächlich ziemlich komisch. Chapeau!

© Raöph Malisch – Homepage vom Smart Investor

Photo by Markus Spiske

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