Nachgedacht

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von Ronald Gehrt

Gerade, am Sonntagmittag, kam ein kurzer Bericht über Dow Jones Newswires, der übertitelt war mit „der Streit um den Euro wird immer unversöhnlicher“. Das ist so. Und wer ein bisschen nachdenkt, erkennt, dass daraus nichts gutes entstehen kann. Gleichzeitig beobachte ich, wie der Ton unter den Börsen-Bloggern und Forenmitgliedern immer schärfer wird...

Ich möchte an alle, denen diese in der Tat verwirrenden und meist auch verlustbringenden Schwankungen der letzten Tage und Wochen aufs Gemüt geschlagen haben, appellieren, auch nachzudenken. Auch das, nämlich sich verbal aufs Blut zu bekämpfen, bringt nichts gutes hervor. Nachdenken hingegen schon, vor allem, wenn es um diesen ominösen Freitag geht.

Je mehr die Emotionen der Akteure auf der einen und die emotions- aber auch verstandfreien computergesteuerten Handelsprogramme auf der anderen Seite das Geschehen dominieren, desto leichter tauchen solche irren Kursbewegungen auf. Dagegen kann man nicht viel tun, außer, sich darauf einzustellen. Toben oder wütende Hetze zu betreiben, ändert nichts. Die Börse hat ihre klassischen Mechanismen. Und nur diese waren für diese Rallye am Freitag verantwortlich. Weit extremer als normalerweise, keine Frage. Aber das hat Gründe. Und gerade diese Gründe lassen mich sehr bezweifeln, dass der Eindruck, der sich durch diese Rallye emotional aufdrängt, der richtige ist. Bevor ich das erläutere, sei aber vorangestellt:

Davon abgesehen, dass ich mich selbstredend irren kann, weswegen ich meine Erkenntnisse bzw. Vermutungen in meinen Börsenbriefen auch nicht stur und mit großem Kapitaleinsatz abbilde, sondern eher weniger tue, indem ich neue Signale noch nicht umsetze und lieber erst einmal neutral bleibe, kommt ein Aspekt hinzu, der in dieser Zeit mehr Gewicht hat als üblich: Meine Überlegungen können richtig sein ... und es dennoch anders kommen. Einfach aus folgendem Grund:

Je schneller sich die Kurse bewegen und es dafür keine direkt erkennbaren Gründe gibt, desto mehr neigen die Marktteilnehmer zu extremen Reaktionen. Entweder, erst einmal überhaupt nichts mehr zu tun und den Kursen frustriert zuzusehen, die einem vorgaukeln, man hätte gerade spielend leicht eine Menge Geld verdienen können ... ohne dabei zu bemerken, dass man dazu nur hätte vorher wissen müssen, wann die Kurse wie weit wohin laufen werden, was man gemeinhin eben nicht weiß. Oder sie rennen jedem Kursimpuls willenlos hinterher, weil die Angst, jetzt, nach dem dritten Richtungswechsel ganz bestimmt den entscheidenden Trendimpuls zu verpassen, größer als ihre Skepsis und Vorsicht ist.

Ich will durch diese Kolumne dazu beitragen, an einem Sonntag, in dieser kurzen Spanne der Ruhe, über das ganze nachzudenken und womöglich am Montag nicht gleich wieder vogelwild zu agieren. Aber ich weiß nicht, ob wirklich viele Marktteilnehmer das Wochenende ebenso nutzen, sondern stur an ihrer emotionalen, in der Hektik der letzten beiden Handelstage entstandenen, Meinung festzuhalten. Denn gerade ein solcher Kardinalsfehler prägt ja in Phasen wie diesen mehr und mehr das Geschehen. Und ich weiß zudem nicht, ob das wirklich – zumindest für die kommenden Tage – viel ändert, weil die, die für diese irren Kursbewegungen verantwortlich zeichnen, nicht nachzudenken pflegen.

Womit ich auf den Punkt komme: Rein vom Gefühl her wirken diese letzten beiden Handelstage als vernichtende Niederlage für die Bären. Verständlich. Man hat noch diese plötzliche Rallye der Woche zuvor in den Knochen, als im Dax das bearishe Signal der gerade gebrochenen 200 Tage-Linie in einem Kursfeuerwerk unterging. Dann kommt der markante Abverkauf am Donnerstag, nachdem sich herausstellte, dass die Hoffnungen der Bullen tatsächlich keine taugliche Basis hatten. Und dann steigt es am Freitag plötzlich aus dem Nichts wieder an, um bei Dax, EuroStoxx 50 und Euro/USD die vor der Enttäuschung durch die EZB erreichten Tageshochs wieder anzulaufen, als wäre nichts leichter als das. Emotional bleibt der Eindruck für die Bullen, unschlagbar zu sein (sofern sie vorher im Kursrutsch nicht ausgestoppt wurden) und für die Bären, keine Chance zu haben, obwohl eigentlich doch alle Argumente auf ihrer Seite stehen. Da beschleicht einen sogar das Gefühl, dass „man“ ganz gezielt Kaufwellen lostritt, um genauso wie am Anleihemarkt dafür zu sorgen, dass zu weit fallende Kurse die Lage nicht noch verschlimmern.

Aber mal ganz davon abgesehen, dass ein Blick auf die Anleihe-Charts der letzten zwei Jahre klarmacht, dass diese Interventionen nichts genützt haben und auch die Überprüfung der Erfolge von Interventionen an den Devisenmärkten der letzten 20 Jahre das selbe Resultat zeigt ... was heißt denn hier „man“?

Weder EU-Kommission noch EZB kann einfach ein Depot eröffnen und mal eben ein paar zigtausend Futures Long gehen, um den beunruhigten Anlegern das Gefühl von unfallbaren Aktienmärkten zu suggerieren. Das fällt auf ... und würde umgehend dafür sorgen, dass die Marktteilnehmer geschlossen dagegen halten. Und obsiegen. Und hätte „man“ irgendwelche Großbanken damit beauftragt ... so müssten die bereit sein, die Verluste selbst zu tragen, wenn solche Aktivitäten in die Hose gehen. Denn würde man dann als Bank die „Miesen“ bei der EZB oder der EU als Spesenrechnung einreichen, käme das wieder raus – Effekt wie vorstehend. Natürlich gibt es diese Theorien dennoch. Und ich kann das verstehen, bei solchen irre wirkenden Kursbewegungen. Das erinnert an das amerikanische „Plunge Protection Team“, das immer wieder aus dem Hut gezaubert wird, wenn Baissiers in Phasen, in denen die Kurse eigentlich fallen müssten, es aber nicht tun, plattgewalzt werden. Aber ...

... in meinen Augen ist die Erklärung weitaus simpler. Ich hatte in einer Ausarbeitung für meine Leser, die ich hier nicht komplett wiedergeben kann, noch am Freitag dargestellt, dass diese Rallye, so unglaubwürdig das klingt, zum allergrößten Teil reines Trading war. Vier Prozent rauf im Dax, in kürzester Zeit und auch noch ohne Grund - das soll nur Trading gewesen sein? Ja. Gerade wegen, nicht trotz dieser vier Prozent. Denn solche Kursausschläge kommen nur dann ohne besonderen Anlass zustande, wenn irgend etwas mit der normalen Struktur des Handels nicht stimmt.

Wenn man nicht so vor den Kopf gestoßen (Bären) oder von wilder Gier und Triumph erfasst (Bullen) gewesen wäre, hätte man sich vielleicht schon am Freitagvormittag gefragt, wie es kommt, dass nach einem solchen Kursrutsch nicht einmal so etwas wie eine kleine Bodenbildung auftauchte, die doch in der Regel einem Konter der Gegenseite vorausgeht. Das passiert dann, wenn die, die auf dergleichen warten, gar nicht mitspielen. Konkret:

Diese Rallye wurde von computergesteuerten Handelsprogrammen und Daytradern ausgelöst und durchgezogen. Die Käufe wurden zu einer Lawine, weil, wie ich in der oben erwähnten Ausarbeitung auch mit Charts gezeigt hatte, eine dieser von beiden Gruppen verwendeten Trading-Linien nach der anderen überschritten wurde, was immer mehr und noch mehr Käufe auslöste. Computer und Daytrader stellen sich solchen Bewegungen nicht entgegen, sondern intensivieren sie, weil sie nur mit dem Trend agieren. Wobei „Trends“ sich hier auf Zeitraster von einer Minute bis zu einer Stunde beziehen. Die Chart auf Tagesbasis sind da gar nicht von Interesse. Und da vor allem die Computer ihre Positionen auch noch pyramidisieren, sprich Gewinne auf dem Marginkonto nicht als größeres Sicherheitspolster, sondern als Kapitalbasis zur Positionsvergrößerung nutzen, entstand eine Kauflawine. Und noch einmal unterstrichen: Beiden Gruppen, die diesen Freutag dominierten, ist eigen, dass sie sich für EZB oder Eurokrise, US-Arbeitsmarkdaten etc. nicht interessieren.

Normalerweise würde diese Tatsache aber nicht zu derart extremen Bewegungen führen. Das passierte nur deshalb, weil normale Marktteilnehmer, vor allem aber die sogenannten „großen Adressen“ (Banken im Eigenhandel, Fonds, Hedgefunds (sofern sie nicht mit vorgenannten Computer-Handelsprogrammen arbeiten), Pensionskassen, Versicherungen u.a. nicht oder zumindest kaum aktiv waren. Denn dort tat man das, was ich oben schon als ratsam anführte: Man hielt die Füße still. Das klingt unglaubhaft, zugeeben. Und erst recht, wenn ich noch einen draufsetze und behaupte, die US-Computerprogramme und Daytrader waren auch mit Masse nicht dabei. Aber dennoch dürfte es so gewesen sein. Beispiele:

Es fiel z.B. auf, dass die Umsätze im Dax Future am Freitag zwar hoch, aber für die durchmessene Kursdistanz dennoch überraschend niedrig waren und deutlich unter denen des Donnerstags lagen, als es abwärts ging. Die Computer und Daytrader sind immer dabei. Wer also konnte da gefehlt haben, wenn es nicht die großen Adressen waren? Auch beim Aktienhandel blieben die Umsätze übrigens klar hinter denen des Donnerstags zurück – sie waren gut 20% niedriger.

Auffällig war zudem, dass die Abwärtsbewegung am Donnerstag an den US-Börsen dynamisch vonstatten ging, während dieser Kursanstieg des Freitags statisch war. Was bedeutet, dass die Vorgaben aus Europa über die mitgestiegenen US-Index-Futures zu Beginn des regulären Handels zwar sofort umgesetzt wurden, die Kurse dann aber schon eine Stunde nach Handelsstart komplett einschliefen. Keine Anschlusskäufe ... und nicht einmal das üblich Gedaddel der Daytrader um die Intraday-Tradinglinien. Nichts.

Natürlich könnten die großen Spieler am Montag nachziehen und auch noch einstiegen. Aber es wäre für diese Klientel untypisch, den Kursen beim Steigen zuzusehen und erst deutlich höher mitzumachen. Sehr untypisch. Weitaus naheliegender wäre, dass man grundsätzlich – wie schon längere Zeit – auf solche Gelegenheiten wartet, um bei nachlassendem Kaufdruck sukzessive Positionen abzubauen und Short zu gehen, anstatt dagegen zu halten. Denn letzteres ist teurer und nicht hinreichend erfolgversprechend.

Natürlich könnten die Kurse auch in der neuen Woche weiter steigen, obwohl es keine Argumente dafür gibt, keine Frage. Natürlich könnte ein erneuter Tag der Neutralität eines großen Teils wichtiger Marktteilnehmer-Gruppen zu einer Wiederholung dieser Trading-Rallye führen, auch das ist möglich. Aber für mich ist, wenn es um die Beurteilung der Lage geht, nicht das tägliche Auf- und Ab-Gezocke wichtig, sondern das große Bild.

Und das hat sich, nachdem ich mir nun ein Bild über die Gründe dieser Rallye vom Freitag gemacht habe, nicht verändert. Hätte ich nicht weiter darüber nachgedacht und nur den subjektiven Eindruck dieser Rallye-Walze wirken lassen, ich würde vielleicht zum Bullen konvertieren. Aber so glaube ich, dass jeder, der zu diesem Schluss kommt, nämlich, dass dieser Handelstag der Beweis ist, dass es ab sofort nur noch steigen kann, in eine Falle geht.

Ich bin unverändert der Ansicht, dass die sich zuspitzende Lage auch nicht durch Anleihe-Kaufprogramme nennenswert aufgehalten und erst recht nicht geheilt werden kann. Und ich bin daher ebenso wie zuvor der Meinung, dass die Aktienmärkte, die eben entgegen der Sprüche vieler, die davon leben, kein sicherer Hafen sind, darauf mit einem zweiten Bein der im März begonnenen Abwärtsbewegung reagieren werden, das sehr leicht den ersten Verkaufsimpuls in Tempo und Größe übertreffen kann.

Ach ja, und bevor sie nun mit hassverzerrtem Gesicht in die Tasten hauen, um einen wütenden Kommentar zu verfassen, weil meine Überlegungen den Ihren unverschämterweise nicht entsprechen, lesen Sie bitte noch einmal die ersten beiden Absätze. Ein wenig Selbstbeherrschung und Gelassenheit täte uns allen gerade jetzt wirklich gut, meinen Sie nicht? Ihnen allen noch einen schönen Sonntag!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)

 
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