SIW 28/2019: Wer hat Angst...vor dem Abschwung?

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Konjunkturelle Eintrübung

Aus der deutschen Konjunktur kommen zunehmend negative Signale. Für einiges Aufsehen sorgte die Veröffentlichung der ifo-Umfrage zur Kurzarbeit. Kurzarbeit ist ein deutliches Zeichen für eine zumindest vorübergehende Eintrübung der Konjunktur. Unternehmen greifen zu diesem Mittel, wenn sich die Auftragsbücher zwar geleert haben, dies aber (noch?) nicht als neuer Dauerzustand wahrgenommen wird. Insofern könnte Kurzarbeit auch nur auf eine kleine konjunkturelle Delle hindeuten, auf die mit diesem Instrument flexibel reagiert werden kann. Andererseits begannen auch größere Konjunktureinbrüche zunächst mit Kurzarbeit. Besonders betroffen ist laut ifo derzeit der „Sonstige Fahrzeugbau“. Damit sind Eisenbahnen, Schiffe und diverse Formen des Sonderfahrzeugbaus gemeint, etwa für das Militär oder die Raumfahrt. 30% der Unternehmen in dieser Branche haben Kurzarbeit angemeldet. Einige dieser Bereiche sind stark von staatlichen oder staatsnahen Aufträgen abhängig, und das wiederum ist schon auch eine Aussage über die Haushaltslage. Das Bittere ist, dass sich die Politik selbst in Jahren des Nullzinses als vollkommen unfähig erwies, etwas in die Zukunft zu investieren, etwa in Form sinkender Steuern oder sinkender Schuldenstände. Symptomatisch, dass uns der langjährige Bundesfinanzminister Schäuble angesichts von Rekordsteuereinnahmen und einer milliardenschweren Zinsentlastung des Haushalts, die „schwarze Null“ allen Ernstes penetrant als Erfolg verkaufen wollte. Tatsächlich wurden und werden sowohl die Zinsersparnis als auch die Rekordsteuereinnahmen konsequent verfrühstückt. Diese kurzsichtige Politik wird sich in einem echten und längeren Abschwung mit Sicherheit rächen.

 

Mikro- vs. Makrosicht

Die Nachrichten aus der vom Strukturwandel geplagten Autoindustrie sind dagegen durchwachsen. BMW konnte zuletzt sogar leichte Zuwächse der Absatzzahlen vermelden – zwar nicht in Europa, jedoch im schon oft totgesagten chinesischen Markt. Wobei die traditionelle Besessenheit der Branche mit Absatzzahlen für Branchenfremde ohnehin nur bedingt nachvollziehbar ist. Denn die Anzahl der abgesetzten Fahrzeuge ist vergleichsweise wenig aussagekräftig. Es macht schon einen Unterschied, ob etwa der VW-Konzern einen vollausgestatten Porsche Panamera oder einen VW Lupo ausliefert. In wirtschaftlicher Hinsicht geht es um Deckungsbeiträge und Gewinne, allenfalls noch um Umsätze, nicht aber um Stückzahlen.

Auch die Nachrichten über Massenentlassungen sind zwar plakativ und wären die typischen Begleiterscheinungen einer tiefen Konjunkturkrise, halten einer genaueren Prüfung aber derzeit noch nicht stand. Jüngstes Beispiel Deutsche Bank*: Das Haus ist kein Opfer der aktuellen Konjunktur. Vielmehr ist seit Jahren bekannt, dass die Bank über eine zu große und zu teure Mannschaft verfügt, insbesondere im Investmentbanking – und dieses Thema wird nun angegangen. Die Entlassungen sind also nicht Zeichen des Niedergangs, sondern viel eher ein Hinweis, dass die lange anstehenden Probleme angepackt werden. Auch die „Massenentlassungen“ bei BASF sind eigentlich keine. Natürlich ist der Chemiekonzern ein geradezu klassischer Zykliker, aber derzeit hofft man dort noch, den angekündigten Stellenabbau weitestgehend im Rahmen der natürlichen Fluktuation zu lösen. Eine Stellenstreichung ist eben nicht zwangsläufig auch eine Entlassung.

 

Der große Sprung nach vorn

Nachdem wir uns schon lange nicht mehr mit unserem Freund Elon Musk und Tesla beschäftigt haben, wollen wir Ihnen ein kurzes Update zu den zuletzt veröffentlichten Absatzzahlen geben. Musk hat es einmal mehr geschafft alle Shortseller Lügen zu strafen. Mit 95.200 ausgelieferten Fahrzeugen liegt das Unternehmen im zweiten Quartal 2019 massiv über den Schätzungen der Analysten und erst Recht den Erwartungen seiner Kritiker. Die Aktie machte deswegen zuletzt einen großen Satz nach oben und notiert nun etwa 30% über dem Zwischentief vor rund einem Monat. Stimmt unsere negative These zu Tesla also noch? Prinzipiell ja, allerdings nicht mehr zu 100%. Kern unserer Argumentation war stets, dass Teslas Schicksal langfristig nicht durch den Engpass bei der Produktion, sondern die wegbrechende Nachfrage entschieden werden dürfte. Das erste Quartal 2019 lieferte dafür quasi die Betätigung. Denn Tesla konnte zu Beginn des Jahres lediglich 63.000 Fahrzeuge ausliefern, ein Minus von mehr als 30% zum Vorquartal. Für die Short-Seite war klar, dass Musk nun seine letzte Munition verschossen hatte. Nach zwei profitablen Quartalen in Q3 und Q4 2018, die lediglich mit viel Bilanzkosmetik möglich waren, landete das Unternehmen zu Beginn dieses Jahres erneut in den roten Zahlen. Das Phänomen Tesla geht nun jedoch in eine neue Runde. Absturz abgesagt, könnte man auch sagen. Dennoch gibt es einige Hinweise, dass auch die Absatzzahlen im zweiten Quartal 2019 nur mit viel Müh und Not erreicht werden konnten.

 

Musk, der Überlebenskünstler

So hat Tesla deutlich geringere Durchschnittspreise je Fahrzeug realisiert, in Kanada ein Subventionsprogramm ausgenutzt und in den USA davon profitiert, dass ein staatlicher Zuschuss im Juni abgelaufen ist. Der große Käuferstreik ist bislang jedoch tatsächlich ausgeblieben. Mit dem Audi e-tron und weiteren Konkurrenzmodellen belebt sich zwar in diesem Jahr die Konkurrenz, Tesla kann sich aber offensichtlich noch immer als Innovationsführer halten. Sind damit alle Argumente gegen das Unternehmen hinfällig? Nein, das glauben wir nicht. Die Konkurrenz für Musk wird weiter zunehmen, die finanziellen Engpässe angesichts der kaum kleiner werdenden Defizite des Unternehmens nicht verschwinden. Musk ist jedoch nicht nur ein Meister der Illusion, sondern auch ein Überlebenskünstler. Jeder der seinen Privatisierungs-Tweet und den damit einhergehenden juristischen Ärger im letzten Jahr als Todesstoß für das Unternehmen angesehen hatte, lag bis heute falsch. Wer die mangelnde Qualität der Autos als Grund für das Scheitern eingestuft hatte, bekam ebenfalls nicht Recht. Nüchtern analysiert dürfte Tesla auch 2019 dieselbe Wundertüte bleiben, die es 2018 war. Für Anleger gilt daher, was der berühmte Value-Investor Mohnish Pabrai zu Tesla gesagt hat: Dies ist ein unglaublich spannendes Unternehmen, das einen hohen Unterhaltungswert verspricht. Aber eines bei dem man weder auf der Long- noch auf der Shortseite engagiert sein will.

 

Geld schießt Tore?

Mit dem Börsengang der SpVgg Unterhaching läuft derzeit das zweite IPO eines Fußballclubs nach Borussia Dortmund in Deutschland. Im aktuellen Smart Investor haben wir uns auf gewohnt kritische Weise mit dem Club beschäftigt. Ohne zu viel zu verraten: Was für einen Club sinnvoll ist, muss nicht gleichzeitig auch für dessen (potentielle) Investoren ein lukratives Investment darstellen. Denn im Fall eines Drittligaclubs (!) gibt es doch die eine oder andere Unwägbarkeit, die Anleger bedenken sollten.

 

Zu den Märkten

Naturgemäß reagierte auch der DAX auf die neuen Unsicherheiten, allerdings bislang vergleichsweise gelassen. Saisonal gehören die Sommermonate bekanntlich nicht zur Wohlfühlzone des deutschen Blue-Chip-Index, weshalb schlechte Nachrichten eigentlich eine Steilvorlage wären, um auch einmal in größerem Umfang Gewinne mitzunehmen. Schließlich hatte der DAX seit den Tiefs Ende Dezember 2018 mehr als 2.000 Punkte zugelegt und damit eines der stärksten Halbjahre seiner Geschichte gezeigt. Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Kursrückgänge eher Teil der Normalität als Anlass zu größerer Sorge. Allerdings darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, dass „die Börse“ als Summe der aggregierten Handlungen der Marktteilnehmer naturgemäß kein echtes Vorwissen über die Zukunft haben kann. Vielmehr tasten sich die Marktteilnehmer mit ihren Aktionen der Zukunft entgegen und erzielen dabei in jedem Moment einen Konsens über die aktuelle Bepreisung ihrer jeweiligen Erwartungen. Dieser Konsens ist allerdings nur von flüchtiger Natur. Wenn aber heute bereits in den Kommentarspalten der Wirtschaftspresse der aufziehende „Sturm“ thematisiert wird, dann ist die vergleichsweise Gelassenheit der Marktteilnehmer schon bemerkenswert. Diese nehmen schließlich echtes Geld in die Hand und haben damit „Skin in the Game“, während in den Redaktionen lediglich Buchstaben aufs Papier gestreut werden. Brenzlig wird es aller Erfahrung nach erst dann, wenn die schreibende Zunft keinerlei Gefahren identifizieren kann, während sich die Kurse bereits im Rückwärtsgang befinden. Konkret sollte man beim DAX nun vor allem das Zwischentief bei 12.200 Punkten (vgl. Abb.: grüne Markierung) und die bekannte Unterstützungszone zwischen 11.800 und 12.000 Punkten (gelbes Rechteck) im Auge behalten. Solange diese Marken nicht gerissen werden, gibt es keinen Grund zur Panik.

 

Fazit

Auf die eingetrübten Konjunkturaussichten reagieren die Börsen derzeit eher gelassen. Offenbar traut man den Notenbanken zu, rechtzeitig zu reagieren.

© Christoph Karl, Ralph Malisch

https://www.smartinvestor.de

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