SIW 34/2019: Scheidung auf Italienisch... und Trennung auf Britisch

Tags: Christoph Karl Ralph Malisch Ralf Flierl Smart Investor Scheidung auf Italienisch SIW 34/2019

Ungleiches Pärchen

Wer deutsche Medien verfolgt, konnte bis gestern den Eindruck gewinnen, dass die italienische Regierung lediglich aus einem Mann bestand: Innenminister Matteo Salvini. Anlässlich der gestrigen Aufkündigung des ungleichen Bündnisses zwischen Fünf-Sterne-Bewegung und Lega durch den parteilosen Premierminister Giuseppe Conte, wurde dann offenbar, dass in der Regierung auch noch weitere Personen tätig waren...Mit einer gewissen Schadenfreude wurde im hiesigen Blätterwald vermerkt, dass die Regierung Conte/Salvini gerade einmal 14 Monate hielt. Das allerdings ist, gemessen an den Verweildauern früherer italienischer Regierungen, gar kein so schlechter Wert.

 

Verzockt?!

Entscheidend ist ohnehin etwas anderes. Salvini ließ keine Gelegenheit aus, um seinen Kurs akzentuiert in Szene zu setzen. So haben letztlich auch jene NGOs deren Schiffsbesatzungen auf einer Anlandung von Migranten in italienischen Häfen beharrten, zu Salvinis enormer Popularität innerhalb Italiens beigetragen. Die war zum Schluss so groß, dass sich Salvini bereits als künftiger italienischer Ministerpräsident sah. Ob sein Kalkül „Koalitionsbruch -> Neuwahlen -> Regierungschef“ allerdings tatsächlich aufgehen wird, ist derzeit noch keineswegs ausgemacht. Gerade weil unter dem medial so dominanten Salvini eigentlich niemand etwas gewinnen kann, ist es durchaus möglich, dass sich die anderen Parteien nun zu einer Koalition ohne Salvinis Lega zusammenraufen. Ob sie ihn damit allerdings auf Dauer vom Amt des Regierungschefs fernhalten werden können, darf bezweifelt werden.

 

Beste Feinde

Eigentlich hat Italien ein ganz anderes Problem, das aber wesentlich verzwickter ist als die „Migration via Seenotrettung“. Die Verschuldungssituation des Landes ist – sowohl was die absoluten als auch die relativen Größenordnungen anbetrifft – weiter dramatisch. Aller Rhetorik zum Trotz wird keine italienische Regierung den Euro in näherer Zukunft verlassen. Entsprechende Drohungen sind also nur bedingt glaubwürdig. Auch wird keine Regierung in absehbarer Zeit das Haushaltsproblem lösen können, ohne den Italienern erhebliche Belastungen aufzubürden. Jeder, der sich an diesen wahrhaft gordischen Knoten macht, könnte ebenso gut gleich politischen Selbstmord begehen. Verfügte man in jenen NGOs, die sich zuletzt so eifrig gegen Salvini positionierten, auch nur über einen Funken an taktischem oder gar strategischem Gespür, hätte man die Migrationsrouten geräuschlos in Unterstützerländer wie Spanien umgeleitet und Salvini erst gar nicht die Steilvorlage geschaffen, um sich beständig auf großer Bühne zu profilieren. Dann wäre die italienische Regierung nämlich vor allem an ihren Fortschritten in der Haushaltskonsolidierung gemessen worden und da hätte sie allenfalls mit verbalem Krawall in Richtung Brüssel punkten können, ohne in der Sache substanziell voranzukommen.

Die zweite große EU-Baustelle ist das Vereinigte Königreich und dort scheint die Hängepartie um den Brexit wieder einmal in die Verlängerung zu gehen. Der neue britische Premier Johnson ist um markige Worte selten verlegen. Wie sich diese dann in Handeln umsetzen, erschließt sich jedoch nicht immer auf den ersten Blick, und manchmal nicht einmal auf den zweiten. Zunächst war Johnson mit der klaren Bereitschaft zu einem No-Deal-Brexit angetreten, was zumindest als Drohkulisse funktionieren könnnte, besonders wenn es von Boris Johnson vorgetragen wird. Diesem Mann traut man jeden radikalen Schritt zu und das ist ein Pfund, mit dem sich in Verhandlungen wuchern lässt. Allerdings hat auch Johnson bereits vor dem heutigen Treffen mit Angela Merkel in Sachen „No Deal“ kurz gezuckt und damit seine Verhandlungsposition wohl entscheidend geschwächt. Er dürfte nicht der Letzte gewesen sein, der am legendären Sitzfleisch der deutschen Kanzlerin scheitert. Da hilft es Johnson auch nicht wirklich, dass die USA den Briten für den Fall eines EU-Austritts bereits beste Handelsbeziehungen in Aussicht gestellt haben. Für Deutschland wäre ein Großbritannien, das in der EU verbleibt und dort endlich auch wieder mit vernehmbarer Stimme klassisch britische Positionen in Sachen Freihandel und Marktwirtschaft vertritt ohne Zweifel die bessere Variante.

 

 

Zu den Märkten

Die politischen Querelen innerhalb der EU scheinen auch an den Märkten ein wenig Wirkung zu zeigen. Zumindest liefern sie willkommene Erklärungen für die anhaltenden Unsicherheiten am Aktienmarkt, und mehr noch für die Trends an den Devisenmärkten. Natürlich sollte man mit monokausalen Ursachenzuschreibungen zurückhaltend sein, aber die Entwicklung des britischen Pfunds gegenüber dem Euro (vgl. Abb., rote Linie) spricht seit der sich abzeichnenden Amtsübernahme durch Boris Johnson Bände: In dieser Austauschrelation steckt inzwischen ein ähnliches Abwärtsmomentum wie nach dem Brexit-Votum im Juni 2016. Seinerzeit ging es in drei Schüben um insgesamt rund 15% nach unten. Diesmal steht bislang ein Minus von rund 9% zu Buche. Das kann mit zunehmender Annäherung an den 31. Oktober, der als Termin für einen ungeregelten Brexit weiter im Raum steht, durchaus auch noch mehr werden. Eigentlicher Profiteur der Unsicherheiten ist allerdings nicht der Euro, sondern der US-Dollar (vgl. Abb., grüne Linie), der sich in den letzten Wochen gegenüber dem Euro um rund 2% befestigen konnte. Natürlich spielt hier auch der Handelskonflikt mit China eine Rolle, ebenso wie die anhaltenden Proteste in Hongkong. Seinem Ruf als internationale Flucht- und Krisenwährung scheint der US-Dollar jedenfalls auch aktuell wieder gerecht zu werden.

 

Musterdepot Aktien & Fonds

Die aktuelle Volatilität lässt uns weiter sehr zurückhaltend agieren, zumindest solange bis sich erneut eindeutigere Trends herausbilden. In unserer Rubrik Musterdepot können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

Veranstaltungshinweis I

Am 3. September 2019 findet im Frankfurter Hilton Hotel das „Forum Financials & Real Estate 2019“ statt, bei dem sich zwölf Finanz- und vor allem Immobilienunternehmen vorstellen. Die Teilnahme ist für Smart-Investor-Leser kostenlos, eine Anmeldung ist erforderlich, unter www.src-research.de/ffs

Veranstaltungshinweis II

Anzeige

Fazit

 

Die Regierungen bzw. Nicht-mehr-Regierungen von Italien und Großbritannien halten die Märkte in Atem, die der USA sowieso.

© Ralph Malisch, Ralf Flierl

https://www.smartinvestor.de

Hinweis: Meinungen oder Empfehlungen geben die Einschätzung des jeweiligen Verfassers oder Interviewpartners wieder und stellen nicht notwendigerweise die Meinung der „Metallwoche“ oder deren Betreiber dar. Der vertretene Standpunkt spiegelt nicht die Meinung des Website-Betreibers und stellt keinerlei Aufforderung zum Kauf-/Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Anlagemöglichkeiten dar. Beachten Sie bitte auch unseren Disclaimer!

Kommentare

Sie sind nicht eingeloggt! Sie können Kommentare nur sehen, wenn Sie eingeloggt sind und ein aktuelles Abonnement besitzen. Log-In