SIW 36/2019: Spielernaturen - Wie die Politik das "Spiel der Spiele" verdirbt

Tags: Christoph Karl Ralph Malisch Ralf Flierl Smart Investor SIW 36/2019

Kritik für Kritikunfähige

Sehr zum Leidweisen jener Menschen, die einfach nur vernünftig leben und wirtschaften wollen, hat sich die Politik wieder einmal in den Vordergrund gespielt und macht keinerlei Anstalten, die große Bühne in absehbarer Zeit zu verlassen. Jüngster Anlass waren die Landtagswahlen vom vergangenen Wochenende. Da zeigten sich ernsthaft Leute geschockt über den Wahlausgang und man mag sich schon fragen, auf welchem Stern die bis zum Sonntag eigentlich gelebt haben? Denn weder die Wahlergebnisse und schon gar nicht die Reaktionen von Medien und Parteien waren in irgendeiner Weise unvorhersehbar oder gar originell. Besonders die Nachlese folgt einer fixen Dramaturgie. Lässt sich auch nur ein bisschen Honig aus dem Ergebnis saugen, klingt das in etwa so: „Bei Erstwählerinnen mit mittlerem Schulabschluss in Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern konnten wir klar punkten und fühlen uns in unserem Ansatz deutlich bestätigt.“ Wo nicht einmal eine nachträglich per Datamining herausgefilterte Splittergruppe identifizierbar ist, folgt die Analyse ebenfalls einem allgemein akzeptierten Muster: Milde Verluste liegen demnach meist daran, dass man die eigenen, alternativlos grandiosen Inhalte, den Wählern einfach noch nicht richtig vermitteln konnte. Das ist jene milde Form der Selbstkritik, der auch Kritikunfähige in schwachen Stunden zustimmen können. Konsequenterweise skandierte das grüne Fußvolk denn auch im Hintergrund einer Fernsehübertragung das Lied der Partei („Die Partei, die Partei, die Partei hat immer recht.“) – ein Lied das bekanntlich auch von SED-Anhängern gerne gesungen wurde, als deren Partei noch im alleinigen Besitz der Wahrheit war. Lediglich bei ganz schweren Niederlagen geht man dann den Ursachen doch etwas auf den Grund und … beschimpft die Wähler der anderen. Der Begriff „Verantwortung übernehmen“ galt früher als Synonym für einen unausweichlichen Rücktritt. Heute heißt es dagegen „Wir haben verstanden.“, was bedeutet, dass man gerne so weiterwursteln will wie bisher.

 

Resignative (Un-)Zufriedenheit

Ansonsten hat man natürlich auch viele Lösungen für die Probleme der Welt parat, die sich vor allem durch zwei Eigenschaften auszeichnen: Zum einen zeugen sie von der höheren Einsicht in die Funktionsweise der Welt, wie sie nur Parteifunktionäre haben können. Zum anderen enden diese Ideen regelmäßig auf „-Steuer“, „-Abgabe“ und neuerdings auch auf „-Deckel“. Bei den von solchen Maßnahmen betroffenen Steuerbürgern scheint sich allerdings immer mehr eine Art resignative (Un-)Zufriedenheit einzustellen, was von der Politik in aller Regel als Ermutigung aufgefasst wird, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzumarschieren. Dass die Wirklichkeit und deren Interpretation im politischen Berlin – und nicht nur dort – meilenweit auseinanderklaffen können, haben wir ja bereits an den Wahlergebnissen gesehen.

 

Innere Wandlung, äußerer Wechsel

Andererseits sollen die Errungenschaften des bundesdeutschen Parteiensystems auch nicht kleingeredet werden: Es gibt wenige Länder, in denen sich die Bevölkerungen an so langjährig amtierenden Regierungschefs erfreuen können wie in der Bundesrepublik oder in Nordkorea. Das erlaubt dann auch schon einmal Projekte anzustoßen und zu begleiten, deren Auswirkungen weit über eine Legislaturperiode hinausreichen – etwa die Abschaffung der Atomkraft hier, oder die Anschaffung von Atomwaffen dort. Stabile Rahmenbedingungen, wie sie sich die Austrians für das Wirtschaften wünschen, entstehen auf diese Weise aber nur dann, wenn solche langjährigen Regierungschefs ihren Kurs nicht allzu oft oder allzu sprunghaft ändern. Solche inneren Wandlungen, wie sie sich etwa bei der deutschen Kanzlerin durch die Amtsjahre nachzeichnen lassen, sind für die Beteiligten nämlich viel schwieriger zu erkennen als ein guter alter Regierungswechsel. Bereits die Aussicht auf einen solchen kann die Märkte ganz gehörig durcheinanderbringen, wie gerade in Argentinien geschehen: Noch ist der marktliberale Mauricio Macri zwar im Amt, aber bereits die Vorwahlen am 11. August genügten, um sowohl Aktien als auch die Währung crashartig auf Talfahrt zu schicken. Alleine die Aussicht, dass der linkspopulistische Herausforderer Alberto Fernández bei der Präsidentenwahl am 27. Oktober siegreich sein könnte, führte zu diesen Panikreaktionen der Anleger. Als Präsident Macri versuchte, die Situation unter anderem durch die Wiedereinführung von Devisenbeschränkungen zu stabilisieren, löste er damit praktisch auch noch eine Art Bankrun aus. Beim SPIEGEL schaffte man es dann über die Panikreaktionen der Leute zu berichten, ohne ein einziges Wort über den Anlass zu verlieren – die schlagartige Aussicht auf eine Neuauflage von sozialistischem Filz im Lande.

 

Zu populär(istisch)?

Auch Italien schlitterte jüngst durch eine Regierungskrise, an deren absehbaren Ende nun eine völlig andere Politik stehen wird als die bisherige, insbesondere in Bezug auf die Themen EU und Migration. Der gerade noch so amtierende Innenminister Salvini hatte den Bogen überspannt und wird nun voraussichtlich erst einmal auf der Oppositionsbank landen. Salvini hatte seine Popularität bei den Italienern vermutlich schon richtig eingeschätzt, was er dabei aber übersah, dass ihn eben diese Popularität und mögliche Neuwahlen für alle anderen Parteien extrem gefährlich machten. Weder wollte die politische Konkurrenz deutliche Stimmengewinne der Lega riskieren, noch mochte irgendjemand wohl so richtig als zwangsläufig farbloser Kollege neben ihm im Kabinett Platz nehmen. Der kleinste gemeinsame Nenner eines neuen Kabinetts ist also „Stoppt Salvini!“ und der trägt so lange, so lange Salvini noch Potenzial hat. Die eigentliche Lehre aus Italien ist aber eine andere: Mit ein und demselben Wahlergebnis schaffen es die Parteien zwischen einer rechtspopulistischen und einer linken Regierung – sowie allen Schattierungen dazwischen – im Prinzip jede Regierung herzustellen. Das sagt letztlich auch etwas über den Wert einer Wählerstimme in der Parteiendemokratie aus.

 

Scheinriese Brexit?

Noch eine Stufe über den bloßen Regierungswechsel hinaus geht ein Thema wie der Brexit. Da werden die jeweilige Regierung bzw. alle anderen Themenfelder fast zur Nebensache. Die Frage, auf die sich die Debatte aktuelle zuspitzt, ist zum einen der Termin (31. Oktober) und zum anderen das „Wie?“. Zuletzt hatte der britische Premier Boris Johnson die „No-Deal“-Mehrheit im Parlament verloren, so er sie denn überhaupt je stabil hatte. Mit Neuwahlen zum 15. Oktober will er nun die Flucht nach vorne antreten – etwas, das schon seiner Amtsvorgängerin May misslang. Sollte es zu den vorgezogenen Wahlen kommen, ist für die nächsten sechs Wochen erst einmal Wahlkampf angesagt. Das neu konstituierte Parlament hätte dann weniger als zwei Wochen Zeit, sich in der Sache zu entscheiden. Verhandlungen mit der EU sind innerhalb dieses Zeitrahmens ohnehin nicht mehr zu leisten. Ein klares „No Deal“-Signal Richtung Brüssel. Für ein solches Szenario reagieren die Märkte dann allerdings doch erstaunlich gelassen. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass der Brexit inzwischen eher ein Thema der Wirtschafts- und Politikjournalisten als eines von Unternehmern und Marktteilnehmern ist. Egal was kommt, zumindest einen psychologischen Effekt dürfen wir wohl langsam auf der Habenseite verbuchen: Je größer die im Vorfeld aufgebaute Drohkulisse, desto geringer ist dann aller Erfahrung nach das negative Überraschungspotenzial. Trotz aller möglichen und durchaus auch wahrscheinlichen Verwerfungen um den Termin könnte es gut sein, dass sich der Brexit mit zunehmender Annäherung als Scheinriese entpuppt. Dies schon alleine deshalb, weil die Unternehmen spätestens seit Juli 2016 auch für das Undenkbare planen und handeln dürften. Falls es aber in diese Richtung geht, dann wäre letztlich auch Brüssel gut beraten, sich um eine gesichtswahrende, einvernehmliche Lösung zu bemühen. Denn es wäre ein deutlich sichtbarer Sargnagel, falls die Briten gegen den Widerstand der Rest-EU einen auch nur halbwegs erfolgreichen Ausstieg zu Wege brächten.

 

Im Auge des Tweetstorms

Die Börsen blicken auf einen volatilen August zurück, für den es vor allem einen Grund gab: Donald Trump und die Tatsache, dass dieser in regelmäßigen Abständen per Twitter Öl ins Feuer des schwelenden Handelskrieges goss. Mit einem klar erkennbaren Muster: Trump eskaliert ausschließlich dann, wenn sich die Aktienmärkte am oder nahe am Allzeithoch bewegen. Der regelmäßig auf eine Twitter-Eskapade folgende Einbruch scheint damit einkalkuliert zu sein. Nimmt die Panik überhand, sendet der Präsident dagegen stets beschwichtigende Signale aus. Man darf daraus durchaus einen Rückschluss auf Trumps Taktik ziehen: Er glaubt ganz offensichtlich die Zügel in der Hand zu haben. Schließlich könnte er mit einem einzigen Tweet, in dem er die bevorstehende Einigung mit den Chinesen ankündigt, ein Kursfeuerwerk auslösen und viele Konjunktursorgen vergessen machen. Dass er die Konfrontation mit Chinas Führung gerade jetzt sucht, da die US-Konjunktur ein halbes oder ein Prozent geringeres Wachstum durchaus weckstecken kann, dürfte ebenfalls kein Zufall sein. Auf diese Sicht der Dinge scheinen nach und nach auch immer mehr Börsianer zu kommen – denn die Märkte scheinen sich an den alle paar Wochen stattfindenden Tweetstorm gewöhnt zu haben. Die alles entscheidende Frage dürfte jedoch sein, ob Trump – ein Egomane wie aus dem Bilderbuch – tatsächlich noch alle Zügel in der Hand hat oder dies nur glaubt.

 

Präsidiale Order

Das Spiel mit der Konjunktur ist nämlich ein gefährliches. Schließlich können Stimmungen tatsächlich die Realität verändern – und diese lässt sich nicht notwendigerweise mit einem Tweet revidieren. Die Äußerungen von Trump wurden zudem in den letzten Wochen auch für seine Verhältnisse immer erratischer und widersprüchlicher. So soll die US-Wirtschaft angeblich nicht unter den Zöllen leiden. Um das Weihnachtsgeschäft nicht zu gefährden, setzte der Präsident die Zölle auf Elektronikprodukte dennoch kurzerhand bis Mitte Dezember aus. Als an den Märkten Ende August die blanke Panik herrschte, versuchte Trump mit der angeblich durch mehrere Telefonate signalisierten Verhandlungsbereitschaft der Chinesen zu beruhigen – allerdings konnte die Gegenseite keines dieser Gespräche bestätigen. Mit einer absurden Botschaft „beorderte“ er schließlich alle US-Unternehmen, sich Alternativen zu ihren chinesischen Produktionsstandorten zu suchen. Mal davon abgesehen, ob ein US-Präsident dies rechtlich überhaupt kann – das Resultat dürfte vor allem Untätigkeit seitens der Unternehmenslenker werden. Schließlich dürften viele in den Führungsetagen nach wie vor auf eine baldige Einigung hoffen oder abwarten wollen, ob Trump 2020 überhaupt wiedergewählt wird. Eine zweite Amtszeit Trumps dürfte jedoch in akuter Gefahr sein, sollte es nicht innerhalb der nächsten Monate zu einer Einigung kommen. Doch Trump dürfte auch eine Spielernatur sein. Es ist daher nicht auszuschließen, dass er bewusst versucht den Konflikt am Köcheln zu halten, um rechtzeitig vor der Wahl den Durchbruch zu vermelden und noch erste Früchte des dadurch beförderten Aufschwungs zu ernten.

 

 

 

Zu den Märkten

Zu einer bemerkenswerten Stärke hat der DAX in den letzten Tagen gefunden, trotz des ganzen Tohuwabohus auf der internationalen Bühne und der Verwerfungen im Welthandel. Börsianer sind in gewisser Hinsicht Neuigkeits-Junkies und wenn ein Thema bereits ausgiebig behandelt wurde, motiviert es in der Regel nicht mehr zu großen Handlungen bzw. Reaktionen – zu Panik oder Euphorie schon gar nicht. Allerdings sollte man die aktuelle Stärke auch nicht überbewerten. So positiv das erneute Überwinden der Widerstandszone zwischen 11.800 und 12.000 Punkten (vgl. Abb., gelbe Zone) ist, treten inzwischen charttechnisch auch andere Aspekte in den Vordergrund: Jedes Durchkreuzen dieser Zone schwächt nämlich deren Wirkung als Widerstand bzw. Unterstützung. Frisch – und entsprechend wirkmächtig – ist dagegen das Abwärts-Gap (vgl. Abb., roter Balken), das sich im Zuge des jüngsten Kursrückgangs gebildet hatte. Solche Gaps entwickeln oft eine künstliche Wirkung auf den Kurs, die dann endet, wenn der obere Rand des Gaps erreicht wurde, das Gap also als „geschlossen“ gilt. Sollte dem DAX in diesem Bereich dann tatsächlich die Luft ausgehen, läge ein tieferes Tief vor, das dann wiederum Teil einer größeren Umkehrformation sein könnte (Schulter-Kopf-Schulter?).

 

Früher Vogel fängt den Wurm …

Eine ganz besondere Veranstaltung für Edelmetall-Fans findet am 20. März 2020 mit dem SOLIT Go for Gold-Wertekongress 2020 in Wiesbaden statt. Erleben Sie Top-Experten wie Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Dr. Daniel Stelter, Dr. Daniele Ganser, Marc Friedrich und Matthias Weik und viele mehr. Warum wir Ihnen das heute schon erzählen? Der Veranstalter, die SOLIT Fonds GmbH, bietet Ihnen einen ganz besonderen „Super Early Bird-Tarif“ an. Wenn Sie bis zum 15. Oktober buchen, können Sie die Tickets für 90 EUR statt für den regulären Preis von 179 EUR erhalten. ABER: Schnell sein lohnt sich, denn das Kontingent in dieser Kategorie ist streng limitiert und kann auch bereits deutlich vor dem 15. Oktober ausverkauft sein. Nähere Informationen erhalten Sie unter: https://www.goforgold.de/

 

Musterdepot Aktien & Fonds

Im Musterdepot legen wir noch einmal bei den Edelmetalltiteln nach und versuchen uns von einer missglückten „Altlast“ zu trennen. Sie können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

Fazit

Börse könnte so einfach sein, dürften sich die Marktteilnehmer einfach auf das Wesentliche konzentrieren. Stattdessen gibt es mit stets neuen politischen 180-Grad-Wenden oder Twitter-Attacken aus dem Nichts heraus im Wochentakt neue Ablenkung.

© Ralph Malisch, Christoph Karl

https://www.smartinvestor.de

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