SIW 41/2019: Das Ende der Resilienz?

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Erstaunliche Widerstandsfähigkeit

Als Resilienz bezeichnet man in der Psychologie die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie idealerweise dank eigener Ressourcen zur persönlichen Entwicklung zu nutzen. Ohne das Bild überstrapazieren zu wollen, haben die Aktienmärkte in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit gegen die anhaltenden Krisenlagen der Welt entwickelt... Die „eigene Ressource“ war dabei im Wesentlichen billiges Notenbankgeld. Eine dieser Dauerkrisen ist das Brexit-Begehren der Briten, die vor mittlerweile mehr als drei Jahren (!) ihren Willen äußersten, es künftig einmal ohne die Europäische Union versuchen zu wollen. Passiert ist bislang nichts. Trotzdem hängt das Thema seitdem wie ein Damoklesschwert über den Märkten und niemand kann sagen, wann und ob das Rosshaar reißen wird und das Schwert letztlich doch noch herniederfährt.

Dazu kommt der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt der weiterhin einer Lösung harrt. Während die Chinesen offenbar bereit sind, einiges an wirtschaftlichem Schmerz auszuhalten, um Trump die Wiederwahl zu vermasseln, ist der an einer schnellen Lösung und vor allem an einem „guten Deal“ interessiert, um im Weißen Haus zu verbleiben. In diese an sich unvereinbare Interessenlage könnte möglicherweise erst durch ein externes Ereignis Bewegung kommen, etwa durch einen globalen Wirtschafts- und Börsenabschwung. Das von der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, angekündigte, jedoch noch nicht eingeleitete Amtsenthebungsverfahren gegen Trump wird in dieser Hinsicht allerdings kein Game Changer sein. Denn es sendet in Richtung Peking genau das falsche Signal, dass Trump ein Präsident auf Abruf sei, den man bequem aussitzen könne. Angesichts dieser Handlungsstränge ist die bislang von den Märkten bewiesene Widerstandsfähigkeit schon eindrucksvoll.

 

Die Sache mit dem Fass

Dennoch könnte es an den Börsen wie mit dem sprichwörtlichen Fass gehen, dass letztlich durch einen einzigen Tropfen zum Überlaufen gebracht wird. Im Gegensatz zum Medienmainstream sehen wir allerdings die auflaufenden Probleme eher nicht dort, wo sie uns seit Jahren eingeredet werden:

Der Brexit dürfte, in welcher Form er auch kommen oder nicht kommen mag, lös- und beherrschbar sein. Unternehmer, die es in drei Jahren nicht geschafft haben, sich auf einen britischen EU-Ausstieg vorzubereiten, haben diese Bezeichnung nicht verdient. Was die Märkte mehr nervt als der Ausstieg selbst, ist eine Hängepartie bis zum St.-Nimmerleinstag. Man möchte zur Tagesordnung übergehen, so oder so. Die Angstkampagne vieler Medien soll lediglich den Briten den Schneid abkaufen und andere Austrittswillige entmutigen.

Auch die Trump-Präsidentschaft wird von Wirtschaft und Börsen offenbar sehr viel positiver gesehen als in den tendenziell marktfeindlichen Narrativen des Mainstreams. Interessanter Weise kommen die Börsen jetzt ins Stottern, wo das Thema Amtsenthebung die Schlagzeilen beherrscht, während sie in den bisherigen Trump-Jahren par Saldo einen deutlichen, von den Medien lautstark beschwiegenen Aufschwung nahmen. Auch hinsichtlich der realwirtschaftlichen Entwicklung der USA ist Trump alles andere als ein erfolgloser Präsident. Auch wenn es der Mainstream seit dem ersten Tag von Trumps Präsidentschaft nicht wahrhaben wollte, der Mann war bislang weder eine Hypothek für die US-Wirtschaft noch für die US-Börsen.

Was perspektivisch aber durchaus zu einer Belastung für die Märkte werden könnte, sind die Folgen der aktuellen Klimadebatte, die zunehmend ins Hysterische abgleitet. Unüberhörbar sind inzwischen marktfeindliche Strömungen, die von der Politik mehr Regulierung, Kontrolle und Besteuerung fordern, am besten gleich einen Systemwechsel. Da lassen sich etliche Politiker nicht zweimal bitten, schnüren aktionistische Klimapakete oder träumen bereits von einer letzten Gesetzgebungsinstanz in Form eines Klimarats. Ernsthaft?! Mit der Räterepublik von vorgestern sollen die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gemeistert werden? Börsenträume und Wohlstand werden so jedenfalls nicht erzeugt. Aber allgemeiner Wohlstand ist inzwischen ohnehin kein Politikziel mehr, wurde dieser doch längst als „klimaschädlich“ demaskiert, weshalb Maximalbesteuerung und Gängelung der Bürger für die gute Sache auch in Ordnung gehen.

 

Neue Hoffnung

Spannend könnte es demnächst noch einmal in der Frage der Anleihekäufe der EZB werden. Die Klägergruppe um Prof. Markus C. Kerber (Europolis – www.europolis-online.org) hat gestern die Wiedereröffnung der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht beantragt. Grund: „Angesichts des EZB Beschlusses zur entfristeten Wiederaufnahme der Netto-Anleihenkäufe ab 1.11.2019 müsse der Sachverhalt neu erörtert werden“, so die Pressemitteilung. Mit dem EZB-Beschluss vom 12.9.2019 habe sich der am 30./31. Juli vor dem BVerfG erörterte Sachverhalt nachträglich grundlegend verändert. Kerber berief sich in dieser Frage auf führende Ex-Notenbanker wie Prof. Otmar Issing und Jacques de Larosière, die den Beschluss der EZB vom 12.9.2019 als widersinnig und kompetenzüberschreitend bezeichnet haben.

 

 

Zu den Märkten

Seit letzter Woche scheinen wir dem Überlaufen des Fasses (s.o.) ein paar entscheidende Tropfen näher gekommen zu sein. Miserable Konjunkturdaten dies- und jenseits des Atlantiks verfehlten ihre Wirkung auf die Börsen diesmal nicht. Nachdem wir in der letzten Ausgabe den S&P 500 charttechnisch unter die Lupe genommen hatten, wollen wir uns diesmal den DAX (vgl. Abb.) etwas genauer ansehen. Mit zwei massiven Abwärtskerzen (vgl. rote Einkreisungen) müssen die Versuche, den Bereich von 12.500 DAX-Punkten nachhaltig zu überwinden, als gescheitert angesehen werden. Was bleibt ist ein dreifaches Hoch (vgl. dreieckige Markierungen), das vehement nach unten aufgelöst wurde. So fühlen sich enttäuschte Hoffnungen an. Auch die Umsätze legten an den Abwärtstagen zu, während sie bei den Aufwärtskorrekturen am Freitag und am Montag rückläufig waren. Auch dies ist als Indikator für weiter fallende Kurse zu bewerten. Die heutige Gegenbewegung war per Redaktionsschluss zwar durchaus respektabel, es fehlt ihr bislang jedoch an den kräftigen Umsätzen, die man bei einem erneuten echten Aufschwung sehen möchte. Gut möglich, dass wir hier nur ein zwischenzeitliches Short Covering sehen, nach dessen Auslaufen der Markt erneut abverkauft wird.

 

Fazit

Nicht alles, was der Medienmainstream für eine Belastung hält, tangiert Börsianer. Aber auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Manche in den Medien gefeierte Errungenschaft oder Maßnahme, treibt den Marktteilnehmern die Sorgenfalten auf die Stirn – schlechte Konjunkturdaten sowieso. 

© Ralf Flierl, Ralph Malisch

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