Trojanische Rallye?

Tags: Trojanische Rallye? Kolumne Badischer Börsendienst Ronald Gehrt

von Ronald Gehrt

Trojanisches Pferd: Sieht gut aus, birgt aber Ärger. So wie es mit dieser 500-Punkte-Rallye beim DAX sein könnte. Nicht muss. Könnte! Sie wirkt, als wäre nun die große Sause Richtung „wenn-nicht-noch-mehr“ losgegangen. Aber stimmt das? Ist nun alles wieder gut und wer nicht kauft, ist doof?

Letzteres ist nicht auszuschließen. Aber nur, weil man an der Börse nie etwas ausschließen darf. Weil wiederum die Kurse durch Entscheidungen von Menschen zustande kommen. Und wer in dieser Hinsicht schon ein paar Jahrzehnte dabei ist, sollte gemerkt haben, dass einem menschlichen Hirn alles zuzutrauen ist.

Man war jahrelang bereit, jeden Blödsinn zu glauben, solange er nur gut klang. Kann also sein, dass der Schock der letzten vier Wochen nicht ausgereicht hat, um wie sonst die Denke der Masse von „alles rosa“ auf „alles schwarz“ umzupolen. Wenn dem so ist, ist es möglich, dass zwei Tage Aufholjagd langen, um wieder alles toll zu finden. Immerhin haben wir nun ein Wochenende, wo nicht die Angst gärt, sondern die Hoffnung. Oder, anders formuliert: Jetzt könnte die Angst, die große Rallye zu verpassen, überwiegen und die Angst vor dem Crash ablösen. Könnte.

Eine Frage, die sich vor allem diejenigen jetzt nicht stellen, die glauben, mit ihrer „Strategie“, Stoppkurse einfach zu ignorieren und sich aufs Beten zu verlegen oder in fallende Messer zu greifen nun fein davongekommen zu sein, ist: Was hat sich eigentlich, als DAX, Dow und Konsorten am Donnerstagnachmittag wie von der Tarantel gebissen nach oben schossen, gegenüber den Wochen vorher im Bereich der Rahmenbedigungen verändert? Soweit ich das sehen konnte: nichts.

Da kann man noch so toll finden, dass der Ölpreis abschmiert … er ist auch ein Spiegelbild der aktuellen konjunkturellen Entwicklung und eben nicht nur ein Kostenspar-Faktor. Und da kann man noch so sehr irgendwelche Urgesteine des Börsentradings aus dem Altersheim holen: Nur, weil einer seit 50 oder 60 Jahren Börsianer ist, ist sein stetiges „jetzt kaufen“-Geheul nicht gescheiter als das der jugendlichen Krawattenträger, die nur unser Bestes wollen.

Nun ist zwar klar, dass die Zwangsliquidierungen von Futures-Positionen, bei denen nach Margin Calls kein frisches Geld aufs Konto der Sicherheitsleistungen überwiesen werden konnte, viel dieser Kurseinbrüche vom Mittwoch und Donnerstag ausmachten. Aber das alleine ist ja kein Argument um zu sagen, dass nun alles „billig“ ist. Im Gegenteil: Die Vehemenz, mit der die Terminbörsen den nicht mehr abgesicherten Müll in den Markt kippten, deutet an, dass da ein paar verdammt große Adressen Mist gebaut haben. Nicht umsonst gingen auch 2008/2009 einige der angeblich doch so schlauen Hedgefonds Pleite. Dort bringt man fertig, wofür man unsereins Privatanleger für seine Dummheit verprügeln würde: Gegen den Trend agieren, die Stoppkurse einfach ignorieren und einfach immer mehr dazukaufen, um die Position optisch zu verbilligen und sich der Hoffnung hinzugeben, dass das schon alles wieder wird.

Es erinnert daran, dass unter denen, die man mit (unseren) Milliarden hantieren lässt, damals wie heute welche sind, die von ihrem Handwerk keine Ahnung haben. Und das sollte nervös machen. Sehr nervös.

Immerhin sind es auch solche „Cleverle“, die sich von den Notenbanken locken ließen, viel zu hoch gehebelte, aufgeblähte Portfolios auf Pump aufzubauen. Als Erfüllungsgehilfen des schönen Scheins. Und im Glauben, dass man schon seinen „Bailout“ bekommen wird, wenn es in die Hose geht. Kann gut sein, dass da in Kürze wieder welche angekrochen kommen. Ist das ein Grund, um jetzt wie wild einzusteigen? Müsste man mir erklären. Und was Zinsen und Konjunkturlage angeht, hat sich ja zwischen Montag und Freitag wahrlich nichts verändert.

Es wäre darüber hinaus weise, sich vor der Freude über die gelungene Wende die Charts anzusehen. Stimmt schon, der S&P 500 hat am Mittwoch einen „Hammer“ ausgebildet, der DAX am Donnerstag. Und da es danach weiter rauf ging, sind die als „gültig“ anzusehen. Aber Vorsicht, Candlestick-Signale haben laut Regelwerk nur eine Reichweite von wenigen Tagen. Sie können Basis einer Wende sein, müssen aber nicht. Und die entscheidenden charttechnischen Widerstände sind noch nicht genommen. Da müsste der DAX deutlicher über 9.000 schließen, der S&P über 1.910. Und da wird es interessant.

Denn wenn man sich den Kursverlauf des Freitags an den US-Börsen so ansieht, stellt man fest, dass noch vor der Sitzungsmitte auf einmal die Dynamik weg war … und sogar Verkaufsdruck aufkam. Und das, obwohl die 200-Tage-Linie des S&P 500 (aktuell bei 1.906 Punkten) am Tageshoch nur noch sieben Punkte entfernt lag. Warum ging es nicht weiter?

Tja. Da kommen wir zu einem ganz entscheidenden Punkt. Nämlich dem Verfalltermin an den Terminbörsen. Der ging in der Berichterstattung angesichts der allgemeinen Hektik unter. Aber es gab ihn trotzdem. Und er könnte ein ganz entscheidender Grund gewesen sein, warum die wilde Jagd am Donnerstag auf einmal in die Gegenrichtung ging

Jetzt, wo alle dachten, nun geht’s aber so richtig auf neue Hochs, gab es das meiste Geld zu verdienen, wenn man all diejenigen, die blind trendfolgend Calls gekauft haben (und zwar von den Stillhaltern, sprich denen, die sie verkauften, meist eben die „Großen“ am Terminmarkt) platt machte, um den vereinnahmten Preis für diese Optionen voll als Gewinn zu verbuchen. Zugleich sichert man sich ab, indem man selber auf fallende Kurse spekuliert. Diese komplexen Strategien haben dabei eine Zielzone, in der das meiste verdient werden kann. Diese Zielzone wird regelmäßig adjustiert, indem man seine Positionen entsprechend der Veränderung des Gleichgewichts hoch- oder runterfährt. Aber das geht nur bis zu einem gewissen Grad. Will heißen:

Wenn es zu irre wird, kommen die Teminbörsen-Spieler nicht mehr hinterher. Da gerät ihnen dann die Strategie aus dem Ruder, die Verluste überwiegen die Gewinne. Möglicherweise diesmal auch, weil man durch die Intensität der Abwärtsbewegung nicht mehr genug Calls an den Mann brachte und so drohte, brutale Verluste zu erleiden. Normalerweise wird versucht, einen laufenden Trend zur Abrechnung maximal auszureizen, ja. Aber diesmal kamen eben diese extremen Verkaufsschübe durch die o.a. Zwangsliquidierungen bei den Futures ins Spiel und warfen jede Strategie aus der Bahn. Und das kann der Grund gewesen sein, warum man dort versuchte, mit gezielten Kaufwellen über den Future eine Eindeckungsrallye zu provozieren, um die Indizes wieder in einen Korridor zu heben, mit dem wieder die Gewinnspanne passt.

Klingt irre. Wäre aber nicht das erste Mal … nur, dass die Dimension dieser Rallye diesmal größer ist. Aber da dermaßen viele Short waren, war auch der Effekt erster Käufe, nämlich die Bären zum Eindecken zu bringen und den Kaufdruck dadurch immens zu intensivieren, hoch. Was darauf hindeutet, dass diese Überlegung etwas taugen könnte, ist eben das Kursverhalten an diesem Verfalltermin selbst, sprich am Freitag:

Der DAX stieg auffällig auch ohne die Schützenhilfe der US-Index-Futures bzw. Indizes direkt vor der Abrechnung der EuroStoxx 50-Optionen um 12 und der DAX-Optionen um 13 Uhr, ebenso Richtung Handelsende um 17:30 Uhr zur Abrechnung der Optionen auf Einzelaktien. Die US-Indizes stiegen bis zur Abrechnung der dortigen Index-Optionen kurz vor Sitzungsmitte, dann kam sogar plötzlich Verkaufsdruck auf. An einem normalen Trading-Rallye-Tag wäre es eher seitwärts gelaufen, an den Intraday-Trading-Linien wäre immer wieder gekauft worden und am Ende wäre das Closing nahe der Tageshochs erfolgt. Diesmal aber musste man sogar gegen 21 Uhr nochmal kräftig dagegenhalten, um noch größeren Verkaufsdruck Richtung Handelsschluss abzuwehren. Verdächtig. Und das so knapp unterhalb der 200-Tage-Linie.

Ich behaupte nicht, dass diese Rallye scheitern muss. Ich behaupte ebenso nicht, dass es gleich in der ersten Wochenhälfte wieder runter geht. Aber ich meine, dass es klug wäre, das als Möglichkeit im Hinterkopf zu haben statt zu sehr überzeugt zu sein, dass wir den Boden nun schon, einfach so, weil grad Zeit war am Donnerstagnachmittag, gefunden hätten. Denn immerhin habe die, die eindecken wollten, nun eingedeckt. Die, die auf den fahrenden Zug aufspringen wollten, sind aufgesprungen. Und ob die, die zu Beginn letzter Woche auf diesem Kursniveau verkaufen wollten, diesmal kaufen, ist eben noch gar nicht so sicher …

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – Badischer Börsendienst

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