Vor dem Ausatmen

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vom Smart Investor

Wenn es um die Funktionsweise von Börsen geht, scheint es einige hartnäckige Missverständnisse zu geben: Eines davon besteht darin, dass aktuell gute Zahlen auf wundersame Weise für künftig steigende Kurse sorgen sollen. Zwar gibt es mit dem Momentumsansatz tatsächlich einen Hinweis darauf, dass auf Unternehmensebene das Motto „heute gut, morgen gut“ eine gewisse Berechtigung hat. Märkte geben ansonsten aber nur sehr wenig für Vergangenheitszahlen. Die Veröffentlichung von Wirtschafts- oder Quartalszahlen löst eigentlich nur dann größere Kursreaktionen aus, wenn die Zahlen entweder ziemlich weit von den bis dahin vorherrschenden Erwartungen entfernt liegen oder wenn die Bedeutung der Zahlen für die weitere Zukunft erst nach und nach erfasst wird. Ansonsten machen Zahlen, die klar zu Tage liegen, aber keine Kurse mehr. Die Idee, wonach die Kurse morgen steigen müssten, weil es uns heute gut geht, ist zwar immer wieder Gegenstand von Argumentationen, steht an den Märkten tatsächlich aber nicht sonderlich hoch im Kurs. Auch mit Erwartungen, die erfüllt wurden, ist es nicht viel besser. Von daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass der DAX in dieser „besten aller Welten“ – so hören wir – seit einem Jahr nicht mehr von der Stelle gekommen ist. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass die wesentlichste Größe einer modernen Volkswirtschaft, der Zins, künstlich auf maximale Stimulation gestellt wurde und die EZB noch immer fleißig allerlei Papiere aufkauft, die an den Märkten zu den politisch gewünschten Kursen nicht ausreichend Abnahme finden. Eine solche anhaltende Stimulation der Wirtschaft sendet Marktteilnehmern, bei denen es praktisch eine Berufskrankheit ist, das Gras wachsen zu hören, vor allem eine Botschaft: Eine solche Stimulation ist notwendig.

Ohne die eigene Haut zu riskieren

Von daher kann es schon sein, dass jene, die schon länger vor einem Crash warnen, der Performance der vergangenen Jahre nur als Zuschauer beiwohnten. Sie erwarten nicht mehr und nicht weniger als eine Rückkehr zur Normalität, unterschätzen dabei aber den Willen der (geld-)politischen Autoritäten, sich auf Dauer mit Nullzinsfinanzierung im Wolkenkuckucksheim einzurichten. Das würde wohl auch noch ein gutes Weilchen so weitergehen, würden die stufenweisen Zinserhöhungen der Fed nicht so deutlich sichtbar werden lassen, wie gebunden die Hände der EZB in dieser Frage sind. Was allerdings bislang ausgeblieben ist, ist der große Kladderadatsch an den europäischen Aktienmärkten. Und je mehr vom Crash fabuliert wird, desto unwahrscheinlicher wird dieser. Denn in dem Maße, wie ein möglicher Crash schon vor dem Ereignis zum Tagesthema wird, fehlt es an genau jener Überraschung, die für einen echten Börsenkrach eine der notwendigsten Zutaten ist. Nur wer unerwartet unter Handlungsdruck kommt, wird entsprechende Positionsanpassungen um buchstäblich jeden Preis vornehmen. „Ka Geld, ka Musi“, hieß das bei André Kostolany. „Ka Überraschung, ka Kräsch“, heißt das für unseren Fall.

Ungeachtet dessen gingen den großen Börsencrashs gelegentlich tatsächlich unmittelbare Ankündigungen eines möglichen Desasters voraus. Diese wurden allerdings in der Regel erst in der Rückschau mit dem nachfolgenden Ereignis in quasi kausaler Form verbunden. Ex-ante dürften viele solcher Ankündigungen nicht einmal wahrgenommen worden sein. Inzwischen sind ohnehin stets genügend solche Warnungen aus mehr oder weniger berufenem Munde im Umlauf. Das Attraktive an solchen Ankündigungen scheint zu sein, dass sich auf diese Weise auch relativ unbekannte Kommentatoren oder Prognostiker einen Ruf machen können, von dem sich dann lange Zeit zehren lässt: „Der Mann der den Crash von XXXX“ vorausgesagt hat und ähnliches. Das Risiko ist zudem gering, denn die meisten dieser Analysten sind so unbekannt, dass sie nicht einmal einen Ruf zu verlieren haben. Bei anderen scheint der Dauerpessimismus dagegen fast schon ein Teil der Imagepflege zu sein. Wer jedes Jahr einen Crash voraussagt, hat zumindest seinen festen Platz im Börsenzirkus als jene verlässliche Größe, die den Anlegern hin und wieder Schauer über den Rücken jagt. Ihre Haut setzen alle diese Leute dabei nicht aufs Spiel, weshalb man sie ganz grundsätzlich nicht ernst nehmen sollte. Diese Meinung vertritt zumindest der Bestseller-Autor Nassim Nicholas Taleb in seinem neuesten Werk „Skin in the Game“, das gerade unter dem Titel „Das Risiko und sein Preis“ auf Deutsch erschienen ist. Eine ausführliche Besprechung dazu finden sie im nächsten Smart Investor 10/2018.

„Prinzipienmeister“

Umso ernster sollte man dagegen die Handlungen und Äußerungen jener nehmen, die tatsächlich ihren Kopf hinhalten. Ray Dalio, Gründer und Chef von Bridgewater Associates, des größten Hedgefonds der Welt, ist so einer. Dalio ist bekannt für seine strengen Auswahlkriterien bei möglichen Trades und dafür, die Dinge prinzipiengeleitet und mit einer geradezu gnadenlosen Disziplin anzugehen. Dabei fürchtet er sich nicht davor, dass seine Mitarbeiter seine Lieblingstheorien zertrümmern – im Gegenteil, er bezahlt sie dafür. In seinem Buch „Principles“ hat er niedergelegt, wie er – und mit ihm Bridgewater Associates – tickt. Über dieses Werk haben wir übrigens bereits im Smart Investor 7/2016 auf S. 20 berichtet. Und dieser Ray Dalio, der sich selbst als „Hyperrealisten“ sieht, ist negativ gestimmt. Das Jahr 2019 werde ein „sehr schwieriges Jahr“. Ganz offensichtlich interessiert sich der reichste Hedgefonds-Manager herzlich wenig für die aktuellen Zahlen oder das Gewesene, sondern denkt schon jetzt – die Äußerung stammt aus dem Juni – vor allem an das kommende Jahr. Dies nicht etwa als unbeholfenes Stochern im Nebel, sondern auf Basis jener Muster und Prinzipien, die sich schon in der Vergangenheit bewährt haben. Ist Dalio unfehlbar? Selbstverständlich nicht. Denn schon im Februar kündigte er an, mit rund  22 Mrd. USD gegen europäische Blue Chips wetten zu wollen. Sagt es etwas über die Richtigkeit von Dalios Überlegungen aus, dass er mit seinen Überzeugungen derzeit relativ alleine steht? Überhaupt nicht, denn an der Börse agierten die Erfolgreichsten schon immer unter dem Hashtag #ichbinnureiner, auch als Hashtags noch gar nicht erfunden waren. In der Politik mag das anders sein.

 

Zu den Märkten

Tatsächlich entwickelt sich der DAX derzeit fast lehrbuchmäßig entlang einer „Diamant“-Funktion, die wir an dieser Stelle in der Vorwoche beschrieben haben (vgl. SIW 36/2018). Dabei handelt es sich um eine der sehr seltenen und daher weniger bekannten Umkehrformationen. Das gesamte Kursgeschehen während der Formierung des Diamanten kann dabei im Wesentlichen als Ausdruck einer allgemeinen Ratlosigkeit bzw. Verunsicherung der Marktteilnehmer angesehen werden (vgl. Abb.). Dabei kommt es während der ersten Phase (türkis) zu einer Art Verbreiterung („Broadening Top“?) mit höheren Hochs und tieferen Tiefs. Diese Phase ist für Break-out-Trader und Trendfolger deshalb so schwierig zu handeln, weil mehrmals scheinbar neue Trendinformationen (höheres Hoch / tieferes Tief) entstehen, die jeweils bereits nach kurzer Zeit verpuffen. Dagegen ist die zweite Phase einer dreiecksförmigen Kontraktion (grün) relativ wohldefiniert. Hier braucht man eigentlich nur auf den Ausbruch zu warten, der zwangsläufig spätestens an der Spitze dieses Dreiecks erfolgen wird, dann allerdings nur noch eine geringe Aussagekraft hat. Inzwischen hat er – noch deutlich vor dieser Spitze – stattgefunden. Ob sich daran allerdings eine entsprechende Abwärtsdynamik anschließen wird, ist im Moment noch offen, denn im Raum steht auch noch eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation (rot) deren Nackenlinie bislang noch nicht nach unten durchbrochen wurde. Zudem ist die Marke von 12.000 DAX-Punkten weiter hart umkämpft. Obwohl wir einen Umschwung an den europäischen, besonders den deutschen Aktienbörsen für wahrscheinlich halten, muss dies trotz des schwierigen Börsenmonats September nicht zwangsläufig ein Crash sein. Die Rechnung, dass eine neunjährige Aufwärtsbewegung mit ein paar schwachen Tagen final bereinigt wäre und man dann unmittelbar erneut zur Tagesordnung weiter/wieder steigender Kurse übergehen kann, dürfte nicht aufgehen. Die jüngeren Marktteilnehmer werden es vielleicht nicht aus eigener Erfahrung kennen, aber zähe, auch mehrjährige Baissen sind im Börsenzyklus nichts Ungewöhnliches. Auf das Einatmen, erfolgt das Ausatmen, nicht notwendigerweise die Schnappatmung oder das Ersticken.

Fazit

Während auf der Straße Veranstaltungen nach dem Motto #wirsindmehr zu funktionieren scheinen, war mit dieser Grundhaltung an der Börse noch nie ein Blumentopf zu gewinnen. Das wird auch so bleiben.

© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

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