"Wunder" gibt es immer wieder - Überraschend positive Konjunktur- und Börsenentwicklungen

Tags: Christoph Karl Ralf Flierl Ralph Malisch Smart Investor SMART INVESTOR WEEKLY (SIW) SIW 18/2019 "Wunder" gibt es immer wieder

vom Smart Investor

Das US-BIP-Wachstum des ersten Quartals 2019 war mehr als solide, besonders für ein erstes Quartal. Denn üblicherweise gibt es im Schlussquartal des Vorjahres einige Vorzieheffekte unter denen der Jahresauftakt dann entsprechend leidet. So hatte dies eigentlich keiner der professionellen Konjunkturauguren vorausgesehen... Denn angesichts der Zinserhöhungen des Jahres 2018 und des Minicrashs an der Wall Street im Herbst desselben Jahres bereitete man die Marktteilnehmer schon seit Monaten auf eine Abschwächung der US-Wirtschaft vor. Dazu kam der Handelskonflikt mit China, der eigentlich ebenfalls nur kontraktiv wirken konnte. So weit, so schlecht. Sollte man denken. Aber so wenig, wie die tatsächliche Stärke der US-Wirtschaft vorausgesehen wurde, so wenig überzeugen die heute nachgelieferten Argumente, warum diese so stark ist – freilich selten ohne den Hinweis, dass sie sich nun aber wirklich bald abschwächen werde. Ein Aspekt ist sicher, dass sich US-Unternehmen in einigen der dynamischsten Branchen der Welt Spitzenplätze erobert haben. Alphabet (siehe unten) ist vielleicht manchem ein Dorn im Auge, aber mit Google wurden ganze Wirtschaftszweige nachhaltig revolutioniert. In die Kategorie solcher Disruptoren fallen auch viele andere Unternehmen der Internetwirtschaft, die sich als First Mover in einer fast uneinholbaren Weise in den Märkten der Zukunft positioniert haben.

In vielen Bereichen gibt es da gerade noch Konkurrenz aus China, dessen Unternehmen allerdings mit deutlich mehr staatlicher Rückendeckung agieren. Das relative Zurückfallen Europas ist vermutlich nicht so sehr in der vielbeschworenen Kleinteiligkeit des Kontinents begründet, als im Mangel an einer tragfähigen Strategie. Weder werden die eigenen Unternehmen hier so unterstützt wie in China, noch lässt man sie so vergleichsweise frei wirtschaften wie in den USA. Und das bezieht sich nicht nur auf die Internetkonzerne. Auch in der Biotechnologie sind die USA heute mit großem Abstand tonangebend. Mit dem Beginn der Trump-Präsidentschaft kommt noch ein Aspekt hinzu, der möglicherweise ebenfalls zu einer Fehleinschätzung des Landes führt: Die starke Anti-Trump-Stimmung vieler Medien verstellt den Blick auf die Wirkungen von Unternehmenssteuerreform und einer grundsätzlich unternehmerfreundlichen Haltung dieser Regierung. Dabei sind es doch genau solche Themen, die wirtschaftliche Dynamik entfalten, ganz unabhängig davon, ob einem die Frisur des Mannes gefällt oder nicht. Trotz neuer Allzeithochs in der vergangenen Woche sollten diese Überlegungen allerdings nicht dazu verleiten, nun auch die Zukunft der Märkte alleine in rosigen Farben zu sehen. Denn während die BIP-Zahlen einen Nachlauf haben, sind Börsenkurse Frühindikatoren. Aus hohen BIP-Zahlen auf künftig steigende Börsenkurse schließen zu wollen, wäre also einigermaßen unlogisch.

 

Jammern auf hohem Niveau

Von der starken US-Konjunktur war in den Zahlen zum ersten Quartal bei Alphabet* (dem Mutterunternehmen von Google) nichts zu spüren. Stattdessen war die Börse vom niedrigeren Umsatzwachstum enttäuscht, was vor allem auf ein geringeres Wachstum der Werbeerlöse auf Google und YouTube zurückzuführen ist. Allerdings ist dies natürlich Jammern auf hohem Niveau. Nach acht Quartalen, in denen die Erlöse um rund 20% pro Jahr zulegen konnten stand nun „lediglich“ ein Plus von 15,3% zu Buche. Die Erträge lagen ohne Berücksichtigung einer Strafe der EU-Kommission von 1,7 Mrd. USD mit 11,90 USD je Aktie sogar deutlich über den Erwartungen (10,61 USD je Aktie). Während sich die Preise pro bezahlten Click um 19% verringerten, legte die Zahl der bezahlten Klicks um 39% zu. Im vierten und dritten Quartal des Vorjahres waren dies noch 66 und 62%. Was ist also die Aussage der Alphabet-Zahlen? Zunächst einmal ist und bleibt Google eines der genialsten Geschäftsmodelle der Welt. Die Tatsache, dass ein Umsatzwachstum von 15% (bei einem Konzern der aufs Jahr gerechnet knapp 150 Mrd. USD Umsatz macht) als Enttäuschung gilt, sagt eigentlich schon alles. Trotzdem ist aus den Zahlen eine leichte Abkühlung der Konjunktur herzuleiten. Weniger Konsumlaune führt zu weniger bezahlten Clicks – so einfach ist dies. Statt in den USA ist die größte Wachstumsbremse bei Google und YouTube jedoch in Europa, wo das Geschäft „nur“ um 13% zulegte. Der Rest sind teilweise auch hausgemachte „Probleme“ in den Google-Algorithmen, die in den nächsten Quartalen wieder deutlich bessere Zahlen produzieren dürften.

 

Ein ganz normales Tesla-Quartal

Im ersten Quartal 2019 tat Tesla wieder einmal das, was es traditionell am besten kann – Geld verbrennen, und zwar in unvorstellbarer Geschwindigkeit. 702 Mio. USD Verlust stand am Ende zu Buche, der operative Cashflow war mit -640 Mio. USD ebenfalls tiefrot. Sah es nach zwei Quartalen mit schwarzen Zahlen temporär so aus, als ob Elon Musk entgegen aller Erwartungen das Ruder herumreißen könnte, zeigt sich nun ein ganz anderes Problem: Die Investment-These der meisten Börsianer basierte auf der Annahme schier unendlicher Nachfrage, lediglich die Schwierigkeit, die Produktion hochzufahren, schien der Flaschenhals zu sein. Bereits Mitte des letzten Jahres hatten wir darauf hingewiesen, dass sich das Schicksal von Tesla dagegen eher durch die wegbleibende Nachfrage nach seinen Elektroautos entscheiden dürfte. Sinkende Umsätze (im Vergleich zum vierten Quartal 2018 -42% (!) von 6,1 auf 3,5 Mrd. USD) liefern nun den Beweis dafür. Völlig unklar ist, womit der umstrittene Tesla Chef die Nachfrage wieder ankurbeln möchte und alleine die bereits angekündigten neuen Modelle und Projekte (Model Y, Truck, Facelift des Model S/3, Fabrik in China, Fabrik in Deutschland) finanzieren will.

 

Schöne neue Tesla-Welt

Doch Musk wäre nicht Musk, wäre er nicht schon lange auf einen neuen Spin gekommen, um die Phantasie in seiner Aktie und damit das Unternehmen am Leben zu halten. Autonomes Fahren soll es nun richten. Musk prophezeit unfassbares: Bereits Mitte nächsten Jahres soll es Software-Updates und einen neuen (selbstverständlich von Tesla selbst entwickelten) Chip geben, womit praktisch jedem Tesla vollautonomes Fahren ermöglicht wird. Da Tesla damit eine Millionenflotte selbstfahrender Autos im Betrieb haben wird, sei die gesammelte Datenmenge dieser Fahrzeuge gigantisch. Künstliche Intelligenz könne daher die Fahreigenschaften massiv verbessern, ein uneinholbarer Wettbewerbsvorteil. Mit einer Flotte von Robotaxis möchte Musk daher den Markt aufrollen. Tesla Eigentümer können ihren Wagen dafür zur Verfügung stellen und könnten damit bis zu 30.000 USD im Jahr einnehmen. Alles andere als einen Tesla zu kaufen, mache laut Musk finanziell daher keinen Sinn. Die Frage für uns ist vielmehr ob hier die Fantasie mit dem erklärten Science-Fiction-Fan Musk durchgegangen ist, oder ob er einmal mehr ganz bewusst Luftschlösser entwirft, um sein Unternehmen am Leben zu halten. Denn die schöne neue Tesla-Welt ist vor allem eines: Sehr viel wert, wenn sie denn tatsächlich so eintreten sollte, in der Zwischenzeit aber kaum zu widerlegen.

 

Never ending story

Die Wirecard-Saga ist seit letzter Woche um ein Kapitel reicher: Zunächst hob die BaFin Anfang letzter Woche das zuvor verhängte Leerverkaufsverbot in der Aktie auf, woraufhin der DAX-Titel zunächst auf Tauchstation ging. Noch am selben Tag bestätigte sich jedoch auch das Interesse der japanischen Technologie-Holding Softbank an einem Einstieg bei Wirecard. Die Japaner werden 900 Mio. EUR in eine Wandelanleihe investieren, die nach Ablauf von fünf Jahren zu einem Kurs von 130 EUR je Aktie in eine Beteiligung von 5,6% des Grundkapitals gewandelt werden kann. Doch als ob dies nicht genügte gab es zeitgleich auch noch einen neuerlichen Artikel der Financial Times, indem Wirecard abermals seltsame Bilanzierungspraktiken vorgeworfen wurden. So sei in den vergangenen Jahren die Hälfte des Umsatzes und 95% des EBITDA aus Kooperationen mit lediglich drei Partnerunternehmen zurückzuführen (Senjo, Al Alam und PayEasy). Der größte Teil dieser Geschäfte sei laut verschiedener Whistleblower aus dem Unternehmen 2016 und 2017 über die Dubaier Tochter CardSystems Middle East gelaufen, deren Bücher in beiden Jahren nicht geprüft worden seien. Al Alam sei ein Zahlungsdienstleister in den arabischen Emiraten, der lediglich sechs oder sieben Beschäftigte habe, PayEasy ein philippinisches Unternehmen, das sich in Manila das Büro mit einem lokalen Busunternehmen teile. Alles in allem nicht die typischen Strukturen, die man von den größten Umsatzbringern eines DAX-Konzerns erwarten würde. Laut einem Whistleblower würden die Cashflows der CardSystems Middle East zudem nicht zu den Zahlen passen. Ähnlich wie Musk mit dem autonomen Fahren schafft es Wirecard mit dem Softbank-Einstieg abermals Zweifel zu zerstreuen. Dass der visionäre Softbank-Chef nicht unfehlbar ist, zeigen jedoch seine zuletzt vom Wall Street Journal enthüllten Bitcoin-Fehlspekulationen. Mit Käufen nahe dem Top habe Masayoshi Son angeblich (privat) 130 Mio. USD in den Sand gesetzt…

 

Zu den Märkten

Seit dem Tief Ende Dezember 2018 haben sich die großen europäischen Indizes im Gleichklang nach oben bewegt. In unserer Abbildung sieht man den DAX (rot), den CAC-40 (schwarz) und den EuroSTOXX-50 (grün). Nicht nur die US-BIP-Zahlen, auch die Steilheit dieser Aufwärtsbewegung an den europäischen Märkten ist überraschend. Für einen bloßen Reflex auf die Abwärtsbewegung des Vorjahres haben die Kurse bereits zu weit getragen. Ein Plus von mehr als 20% in nur vier Monaten ist so sicher nicht durchhaltbar, denn unter der Annahme der Reinvestition in einer geometrischen Verkettung bedeutet dies eine Jahresrendite von mehr als 70%. Von daher erscheint es uns sinnvoll, nun auch verstärkt auf Schwächeanzeichen zu achten und für den Fall der Fälle eine Absicherung vorzunehmen (siehe Musterdepot).

 

Musterdepot Aktien & Fonds

Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ berichten wir heute über unsere offenen Orders. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

Fazit 

Ob US-Konjunktur oder DAX-Unternehmen, manches entpuppt sich als regelrechte Wundertüte.

© Christoph Karl, Ralph Malisch

https://www.smartinvestor.de

Hinweis: Meinungen oder Empfehlungen geben die Einschätzung des jeweiligen Verfassers oder Interviewpartners wieder und stellen nicht notwendigerweise die Meinung der „Metallwoche“ oder deren Betreiber dar. Der vertretene Standpunkt spiegelt nicht die Meinung des Website-Betreibers und stellt keinerlei Aufforderung zum Kauf-/Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Anlagemöglichkeiten dar. Beachten Sie bitte auch unseren Disclaimer!

Kommentare

Sie sind nicht eingeloggt! Sie können Kommentare nur sehen, wenn Sie eingeloggt sind und ein aktuelles Abonnement besitzen. Log-In